time remembered: lyrikjazz

jahrbuch der lyrik 2017seit 1979 gibt das jahrbuch der lyrik einblick in neueste entwicklungen der poesie in deutschland, österreich und der schweiz; für die 31. ausgabe konnte Christoph Buchwald die lyrikerin Ulrike Almut Sandig als mitherausgeberin gewinnen. gemeinsam haben sie die besten zeitgenössischen gedichte ausgesucht und in thematischen kapiteln zusammengestellt.
neben Crauss mit einer übertragung des jazz-stücks time remembered/ erinnerte zeit von Bill Evans und Paul Lewis sind im lyrikjahrbuch ua. Lea Schneider, Johannes Kühn, Carl-Christian Elze, Björn Kuhligk, Yevgeniy Breyger, Julia Trompeter und Greta Ganderath vertreten.

ADAM GREEN in GRÜNDAU

Adam Green in Gründaues muss kurz nach der veröffentlichung des kleinen büchleins mit drei dorfgeschichten gewesen sein, als Adam Green, unanständiger singersongwriter auf dem höhepunkt seiner karriere, keinen besseren platz für ein autogramm fand als auf der rückseite der frau von gründau.
„es sei eine helle aufregung gewesen im dorf. einige männer hätten sich lautstark gewehrt gegen die vermutung, man habe etwas zu tun mit dem leichenfund. ein verbrechen in usnerem dorf? unmöglich! ob er, der postbote, denn nicht ein stück näher herangekonnt hätte, um ihr gesicht zu sehen? dabei hätten die männer tiefe züge aus ihren krügen genommen.“
meine lieblingswirtin, die 2006 zum Adam Green konzert ging und das autogramm für mich erjagte, muss jedenfalls ziemlich dicht herangekommen sein …

das heft ist weiterhin bei sukultur zu haben! neben der titelgeschichte geht es um „aufgeplatzte, angeschwemmte leiber“ und eine bayerische „nacht in szenen“.

GLORY HOLE: EIN SCHARFES BILD

ein scharfes bild

GLORY HOLE – nachrichten von drüben wurde 2013 vom schriftsteller Max Höfler gegründet und ist ein sogenanntes leinwandliteraturmagazin, das jede nacht auf die aussenleinwand des forum stadtpark in graz projiziert wird. mittlerweile gibt es xxxvi ausgaben, das aktuelle loch wird von Clemens Schittko bespielt. Crauss hat aus issue xiv ein scharfes bild gemacht. das video gibts hier.

ein scharfes bild

Crauss liest … Harry Martinson: REISE OHNE ZIEL

reise ohne zieldie moderne kommunikationstechnik wird uns kontinuierlich in eine planetarische schule für einen neuen, lebendigen und fruchtbaren nomadismus führen. die eng miteinander kommunizierenden weltvölker und rassen der zukunft werden einmal, mit einem gewissen respekt vor der dickleibigkeit, ehrlich über den untergangskatalog lachen und über die kulturen, die sich nicht aufzulösen (und unterzugehen) wagten.

Harry Martinson: reise ohne ziel (1932/33). aus dem schwedischen von Verner Arpe und Klaus-Jürgen Liedtke. mit einem nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke neu herausgegeben. berlin: guggolz verlag 2017

IDIOME X: DEVOT & AUSGELUTSCHT

idiome x»Erst im Augenblick, da das Korsett des gewohnten Erzählens in alltäglichen ›Skripts‹ und des sukzessiven Beschreibens dekonstruiert oder zersprengt wird, wird eine ›Prosa‹ möglich, die auf Augenhöhe mit der verwirrenden Vielgestalt der Sprechweisen, Welt-, Selbst- und Erfahrungskonstruktionen operiert, anstatt sie ins Handtaschenformat illusionistischer Geschichten und Beschreibungen zu ›übersetzen‹. Erst so wird eine ›Prosa‹ als eigensinnige Gattung möglich, weil diese Texte die turbulent durcheinander wirbelnden Splitter von etwas, das singularisch ›Wirklichkeit‹ zu nennen nur ein Notbehelf oder unbeholfener Tröstungsversuch ist, als Herausforderung unserer Text- und Erkenntnisbegriffe annehmen können.« Das schreibt in einer grundsätzlichen Überlegung zum Gattungsbegriff Sebastian Kiefer, der neben Jordis Brook/Stefan Schweiger, Lucas Cejpek, Li Mollet, Walter Pilar & Ronald Pohl. Friederike Kretzen (über Peter Weiss) die Nummer 10 des von Florian Neuner herausgegebenen Hefts für Neue Prosa feiert.

Weiter gibts in IDIOME Eigensinniges und Unvollständiges in Bild und Text u.a. von Tone Avenstroup, Peter Engstler, Sabine Hassinger, Urs Jaeggi, Christian Steinbacher & Elisabeth Wandeler-Deck zu Begriffen wie Abfall, Banalität, Freiheitsentzug, Zufall oder Zunahme.


Crauss hat sich Gedanken zu freiwilligem Freiheitsentzug – also z.B. devotem Fetisch – gemacht und unterwürfige Männer nach ihren Vorlieben, Träumen und dem Bezug ihres Fetischs zu real angewandter Unterdrückung Andersfühlender außerhalb, aber auch innerhalb Europas befragt. Die Zeichnungen dazu liefert Jörg Gruneberg.

DEVOT & AUSGELUTSCHT: ICH IST EIN FETISCH

hallo, ich bin thomas meinecke und denke »an den knast namens sexualität, der manchmal als lustvolle unterdrückung funktionieren kann: ein ausacten von zwangssystemen in einem lustvollen rahmen.«

mein online nick ist dr. psycho. dieser name begleitet mich schon seit meinem 16ten lebensjahr als ich das erste mal öffentlich aufgelegt hab als tekkno dj. und seit ein paar jahren hab ich dieses pseudonym auch als sklave übernommen, heisst … ich bin kein üblicher sklave, das wäre mir zu langweilig. ich bin fussdiener.
[…]

wenn du nach der richtigen bezeichnung für mich fragst … naja … da bin ich sehr flexibel, was das angeht. ich lasse mich so bezeichnen, wie der dominante es mag. wobei mir minderwertiges SEX stück noch am besten gefällt, am liebsten werde ich aber als drecksnuttenvotze bezeichnet. ich bin sklave oder diener. entscheiden tut das aber der master.

ich bin 43 jahre.
20.
36.
47.
gegenwärtig bin ich 71 jahre!
36 jahre.
ich bin momentan noch 44, das ändert sich nächsten monat. doch was ist alter! ungelogen, ich kenne wirklich niemanden, der mich bisher auf dieses alter geschätzt hat.(c) Jörg Gruneberg 2017
[…]

schon als kind habe ich mir schmerzen zugefügt und im wald gezeigt. ich habe mir den schwanz am baum festgebunden und spannung erzeugt und sperma vom gebrauchten kondomen geschleckt, bin nackt durch den wald gelaufen.

[…]

Den kompletten Text gibts nur in IDIOME X

schonungsloses zögern

die leipziger messe ist nun schon wieder einige tage vorüber, ja ja, sie war ein ereignis, auch diesmal. aber es gab eindeutig zuviele bücher. eine wohltat, dass es in der lyrikbuchhandlung – einem der tausend veranstaltungsorte – ausschliesslich gedichte zu hören, stöbern und kaufen gab. auf Safiye Cans neuens buch kinder der verlorenen gesellschaft freue ich mich noch – die autorin hat vollkommen zurecht den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis sowie den AMF-Preis für aufrechte Literatur 2016 bekommen und bereits 2014 mit ihrem debut rose & nachtigall einen der besten lyrikbände mit liebesgedichten der letzten zehn jahre präsentiert – mittlerweile in der fünften (!) auflage.

Niklas Bardelidie ganz unerwarteten lieblinge aus leipzig hatte ich aber bereits kurz nach der heimkehr verschlungen. mit vergnügen und erstaunen. Niklas Bardeli las ende märz in der lyrikbuchhandlung in lindenau (leipzig) und hinterliess einen eindruck, den zuletzt Mathias Traxler 2011 erzeugt hatte: „die lesung hiess lyrik an salatdressing oder so ähnlich, meine schlimmsten befürchtungen wurden erfüllt, geradezu verliebt machte mich aber Traxler mit seiner performance, einem applaus auf die unsicherheit, wie er es nennt. der autor hatte einen stapel nichteigener bücher auf dem lesetisch, pickte sich hin und wieder eine sentenz aus diesen büchern heraus und fügte sie den eigenen, spartanischen texten zu, stand da, drehte sich, ging ein paar schritt ins dunkle und verwischte die übergänge zwischen lesung, moderation und tanz. grossartig, gerade wegen der eleganz, die das hatte – und viel zu kurz; ein jammer. ein jammer auch, dass sich so etwas nicht schriftlich wiedergeben lässt, gleichwohl Traxlers buch you’re welcome in ähnlicher weise mit pausen arbeitet, auslassungen, mit Novalis’schem blüthenstaub.“ (zitiert aus SCHÖNHEIT)
Bardelis performance war schlichter, und doch ebenso intensiv: worte, zögern, pausen, pausen, ausstreichen und vorwärts hasten. leider sind die aktuellen hybride – gedichte in blocksatz – noch garnicht erschienen, Bardeli ist ein langsamer schreiber offenbar, und vorsichtiger veröffentlicher. immerhin hatte der hochroth verlag aber den vorherigen band illustrationen parat: „schonungslos erbarmten sich meiner vier männer, von beruf stellmeister, die ihre arbeit verstanden, als hätten sie nie etwas anderes getan …“ das gilt für die weichner wie es für den dichter gilt!

loner4everein anderes schätzchen wäre im normalen buchchaos der messe nicht absichtlich aufzustöbern gewesen, und auch das link-verfolgen im netz wird einem nicht sehr leicht gemacht: loner4ever wollte gefunden werden – und das passt auch sehr gut zu den überaus witzigen poemen, die man im gleichnamigen blog nachlesen kann. der kanadische graphiker Vincent Hulme hatte seine „collection of failed attemps at wooing his/her heart“ im berliner pogo books verlag unter dem motto „one canadian / too many beers later“ drucken lassen, bei der präsentation der design-heftchen in der hochschule für grafik und buchkunst lag es dann etwas unscheinbar herum:
„meet girl thru friend / talk to her all night / ask for her number // gives me one / then tells me to delete it / and to take this other one instead // think its fake / never call her // two weeks later / friend asks me / yo, why didnt you call her …“ – „meet girl at a naked party // don’t have a piece of paper …“ undsoweiter. very komisch, absurd und wahr.

Schittko ein ganz normales bucheigentlich hatte ich mir auch noch eine besprechung von Clemens Schittkos letzten beiden büchern vorgenommen, das „rasseln mit der assoziationskette“, wie es im deutschlandradio hiess, wurde mir dann aber trotz Binkmann-beat in manchen texten schnell langweilig: zu sagen „dieses gedicht ist ein gedicht, / weil ich es sage“,ist zwar eine haltung, die mir taugt, trotzdem sind untereinandergeschriebene einfälle noch kein gedicht. wieviel Schittko erträgt Schittko eigentlich? habe ich mich bei der lektüre von ein ganz normales buch gefragt. „ich kann es nicht mehr hören / ich kann es nicht mehr sehen / es kotzt mich nur noch an / und dann dieses geplapper / dieses gelaber“ heisst es in der fünf seiten langen suada dumm.
„ich provoziere / ich provoziere …“ schreit der autor. und ich ermüde! aber gerade das ist es: mein fehler. nicht Schittkos. und zwar: den versuch unternommen zu haben, den band als ganz normales buch in einem rutsch zu lesen. es kommt halt auf die dosis an, glaube ich. lieber einzelne langläufer als ein pulk demonstrierender schleicher. Clemens Schittko schreibt grossartige – und dann auch mehr politisch einwirkende (nicht politische) texte -, wenn er monoton schreibt und nicht zu viele wendungen versucht. beispielsweise im nsa-stück vom 04.10.2013, das im ritter-buch weiter im text erschien und in dem übrigens neben vielen vielen anderen die oben bejubelte Safye Can wieder vorkommt:Schittko & Amazon, weiter im text
„Safye Can gefällt Dincer Gücyeters link. / Safye Can hat buchmesse RUHR – RUHR Kitap Fuans foto geteilt …“ so gehts 21 seiten lang weiter, und ist trotzdem weniger unaushaltbar als die jammer-poesie im normalen buch. wo Schittko listen schreibt, lange listen, gelingt es ihm, an die sollbruchstelle der gesellschaft heranzukommen. egal, wie sehr er behauptet, dies nicht zu wollen.

erwarte nicht viel mehr als menschen

kiel im gedichtWalter Arnold hat mehr als 60 gedichte über kiel zusammengetragen. bekannte dichter der letzten jahrhunderte (Fontane, Liliencron, Groth) kommen in zu wort. aber auch junge talente*, die bis heute ihre lyrik vortragen und veröffentlichen (Arne Rautenberg, Björn Högsdal, Marcel Beyer, ögyr). der hübsche kleine band zeigt, wie vielfältig kiel immer war und bis heute ist. obgleich als hässlich verschrien: es wird andere qualitäten haben.
Crauss ist mit einer kurzen, traurigen skizze dabei, die man auf ögyrs schwungkunst, nämlich im klavki fundus nachhören kann. der 2009 verstorbene dichter klavki hielt die welt für „ein ewiges gedicht“ und kämpfte bis zum letzten atemzug für mehr poesie in den menschen.

*diese formulierung des verlags kommt leider einer diskriminierung der arbeit der genannten dichter sehr nahe, die sämtlich – und zwar seit jahrzehnten, und zwar weit – über den status des hobby-talents sich hinausentwickelt haben! typischer lokalpressen-sprech. so etwas möchte ich jedenfalls nie wieder auf mich selbst bezogen wissen.