STILL 5die fünfte ausgabe der in new york und berlin erscheinenden text-photo-zeitschrift STILL kommt als katalog zwischen „sluts“ (Saskia Vogel) und „beautiful youth“ (Gottfried Benn) daher. in der new york edition ist Crauss mit einer von Mark Kanak verfertigten übersetzung der ungarnsaufschule vertreten.

and now yucky, nasty flatidae had fallen into the distilling waters … on and on he went about how difficult it would be to find good, usable bottles. on that really delicate summer afternoon last year, my uncle disappointed me for the first time ever.

das deutsche original des textes war 2009 nach motiven von Krisztián Grecsó anlässlich des re:write remix-festivals in freiburg erschienen.

SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 4-6

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die „not zu schreiben“ (Uwe Kolbe) und die „lust am text“ (Roland Barthes) soll auf leserseite gleichermaszen spürbar sein, damit sich beim lesen die reize hinter/ zwischen den bedeutungen: klänge, metrische spiele, brüche, bedeutungsdopplungen, notwendige ungeschlachtheit (das gedicht als wunde), überhaupt stilistische rafinessen, geniessen lassen.

5
Hubert Fichte macht sich gedanken über „gedicht oder reklamespruch: es könnte doch ein mann kommen und sagen: was da als gedicht steht ist ja sehr schön. aber in meiner PR-abteilung habe ich genauso gute köpfe, und wenn wir eine neue kampagne machen, machen wir doch genau so etwas wie es dort als gedicht steht. wieso ist das vom Höllerer ein gedicht und die arbeit unseres werbetexters (zb für die grünen, beton brennt) weniger dichtung?“ 

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„nicht deshalb ist etwas ein gedicht“, schreibt Walter Höllerer, „weil es von jemand bestimmtem stammt, dem man zutraut, dass er gedichte schreiben kann, weil er schon andere gedichte geschrieben hat. ich meine auch: beton brennt, ganz gleich, wer es erfunden hat, kann ein gedicht sein, wenn es den vorgang, der zusammenhang, in dem es steht, den vorgang der sensibilisierung nicht nur in richtung einer einzigen funktion [wie bei der werbung] hat, sondern in eine allgemeinere, breitere richtung.“

Abschiebevollstreckung

Die detaillierte Planung einer Sammelabschiebung, der nächtliche Großeinsatz in den Unterkünften der Asylbewerber, ihre Ankunft im Herkunftsland und die Frage, was sie dort erwartet: der preisgekrönte Dokumentarfilm Deportation Class (2016) zeichnet erstmals ein umfassendes Bild von Abschiebungen in Deutschland.

Mit Menschen wie Gezim, der in Deutschland auf eine bessere Zukunft für seine Kinder hoffte oder der Familie von Elidor und Angjela, die vor der Blutrache fliehen musste und nach der Abschiebung in Albanien ins Bodenlose stürzt, geben die Regisseure Carsten Rau und Hauke Wendler denen, die in den Nachrichten nicht zu Wort kommen, ein Gesicht.

Zu dem hochaktuellen Film lädt das Kommunale Integrationszentrum des Kreises Siegen-Wittgenstein gemeinsam mit der Mediathek gegen Rassismus und Diskriminierung/Verein für soziale Arbeit und Kultur Südwestfalen e.V. und dem Filmclub Kurbelkiste e.V. ein. Crauss moderiert.

Mittwoch, 5. Juli 2017, um 19.00 Uhr in der Kurbelkiste, Kulturhaus Lÿz, St.-Johann-Str. 18 in Siegen gezeigt. Eintritt 4 Euro.
deportation class plakat

SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 1-3

1
Peter Geist findet negative beurteilungskriterien, wenn es um gedichte geht: klischeereiches ( = unauthentisches) zeitgeistgeshn, pseudopoetische bebilderung von thesen, stilposen und die soundsovielte imitation eines traklgedichtes.

2, die unschärfe loben:

überraschendes, fesselndes entsteht durch das herausreissen der dinge aus ihren geläufigen zusammenhängen, sagt Walter Benjamin; durch eine bewusst gewordene/ gezielt herbeigeführte unschärfe im welterleben (eine sehschwäche, das verlesen, missverständnise), so Jan Wagner entsteht eine präzision der vorstellungskraft, durch die selbstverständlichkeiten neu entdeckt werden.
das gehirn verknüpft/ assoziiert bei einem „denk“fehler zwar falsch, aber doch naheliegend.

3
was ich von einem gelungenen gedicht erwarte? dass es mich überrascht, fesselt, befremdet, dass es mich entdecken lässt: so, genau so etwas noch überhaupt nicht gesehen/ erfahren/ bedacht zu haben. dass sich die unbedingtheit des sprechens überträgt. das konzentrierte gegeneinander der worte, ihre berührung, umschlingung, ihr abstossen voneinander.

Crauss liest …

Schneider in der parasitenpresseBastian Schneider: Irgendwo, jemand.

Die Kölner Parasitenpresse veröffentlicht seit 17 Jahren deutschsprachige Lyrik als altpapiergeheftete Bücher und Lyrik-Taschenbücher aus BeNeLux und Südamerika.
Einer der konzentriertesten Bände ist der vor kurzem erschienene Doppelzyklus Irgendwo, jemand des in Siegen geborenen Bastian Schneider. Die Gedichte nähern sich dem großen Thema dieser Zeit: Flucht und Migration, und wie wir uns dazu verhalten, wie wir darüber reden und was wir unterlassen zu tun. Die Texte sind der Versuch, eine Sprache zu finden angesichts einer globalen Herausforderung, der man bisher nur unzureichend gerecht geworden ist.

An einer Hauswand steht // Zugvögel raus / irgendwo sind Menschen auf der Fahrbahn / das Mittelmeer ist eines der kleinsten Weltmeere / jemand spricht von sicheren Staaten / Menschen und Zugvögel kann man verwechseln, manchmal (…)

Bastian Schneider: Irgendwo, jemand. Gedichte, 14 S., 6,- € (Lyrikreihe Bd. 38)

 

Populäres Gedicht Nr. 17

Mr. Amerika
geh doch endlich wieder weg
du bist wirklich nur noch
der letzte Schrott
in deinem
feuerfesten Maßanzug aus
Super-super-kryptonit-Stoff

auch wenn du dich in deinem
eigenen Kopf ab und zu so
einsam fühlst
wie ein verloren-
gegangenes Popkorn […]

[…] während du nichts anderes
von dir gibst als ein millio-
nenfach gesteigertes
POW
WOW
da bin
ich
und
erlöse euch
alle
im 
Namen
des
großen
amerikanischen
Hau.

Rolf Dieter Brinkmann in: Die Piloten. Gedichte, 1968

Crauss ist mit Keppel Kreativ unterwegs. Lesungen und Konzert in Hilchenbach

keppel kreativ

16 Uhr > Altenheim Haus Abendfrieden, Unterm Wäldchen 5, 57271 Hilchenbach
19 Uhr > Celenus Klinik für Neurologie, Ferndorfstraße 14, 57271 Hilchenbach

SCHÖNER SCHREIBEN, authentizität und geschmacksurteil

die echtheit, also authentizität eines textes kann sich durch geringe phrasenhaftigkeit, durch geringe verwendung hochgestochener sprache ausdrücken. hier steht authentizität für einfachkeit. echtheit liegt etwa auch im widerstand gegen einen gewissen zeitgeist.

das geschmacksurteil ist kein rein subjektives, das im belieben des einzelnen steht, vielmehr gibt es objektive, also im objekt liegende kriterien, die das ästhetische urteil aus der rein subjektiven sphäre herausheben, sagt Kant. diese kriterien führen zu einer vergleichbarkeit mit anderen werken.

in der kunst wird nicht der gute wille zum ausdruck gebracht, sondern ein stück menschlicher innenwelt mit allen facetten.