NEULICH IM SCHRANK: CSD-Lesung in Siegen

csd-lesungKali Drische lebt mit ihrem Stammhirn (*1968, Berlin) zusammen. Weil beide schreiben, gibt es manchmal Streit um den Computer. Was dann herauskommt sind tragikomische Geschichten über „Körper, Sex und andere Widrigkeiten“. Anna Hetzer (*1986, Berlin) geht mit ihren Gedichten einen Schritt weiter und sucht „prasselnde Punkte“ im Strandbad: Küsse sind bei ihr erotische Zungenbrecher. Crauss schließlich (*1971, Siegen) versucht mit Texten wie „Big black Bone“ oder der Gerätebeschreibung „Fuccordeon bump fix 3000“ einen Spagat zwischen den Sirenen der Liebe.

Bei Fallensteins: hellrote Hortensie. Crauss und Peter Clar im Dialog

Immer wieder ist das Wohnzimmer von Christel und Matthias Fallenstein in der Wiener Hauptgasse der Poesie Zentrum des lebendigen Austauschs zwischen Literaten und Begeisterten. Die Salonlesung im Juni 2019 war nicht die erste Begegnung von Crauss mit Peter Clar. Bereits 2018 schlugen sich Eindrücke von Crauss‘ hellroter hortensie in Peter Clars Gedicht Bei Fallensteins nieder.

Bei Fallensteins

Der Herbst endlich gekippt
In Winter und wieder zurück
Vor meinem Kaffeehausauslagefenster eilt Wladimir Putin vorbei
Wischt Robert Stadlober Schmelzwasser vom Rauchertisch
Heute Kaffeehauspoesie und English Breakfast im Europa
(Unabsichtliche Ironie)
Gestern Crauss und Frieda Paris bei Fallensteins zu Hause
Kosmische Beine und Türe geöffnet von schönen Schuhen
Du versäumst meinen Tag, liest Crauss
Du schlüpfst in so viele Rollen, sagt Frieda
Bei mir ist immer nur dieses lyrische Ich
(Als wäre das Ich so eindeutig Ich)

*

hellrote hortensie ein blitz
durch den nachmittag alles
um dich herum placebo mein prinz. debussy
die erdbeern wir schweigen ein
ununterbrochener wind ununterbrochen
la ville die stadt augusttod. die uhren
klacken klackern scheppern auseinander.
glas springt splittert dein schimmerndes
auge dein schweigen wir schweigen
die erdbeern mein prinz die erdbeeren! da blutet
ein schatten die zeit bricht reift alles
aufeinmal. die hitze! sie blüht. die hitze der tag
die haut reisst strassen wind zieht
refft an unseren erinnerungen. pestgeruch. & alles
so stockend. das toben der kinder
vor dem fenster fault in den abend hinein
wir liebten uns doch. liebten
einander. du versäumst meinen tag.

 

 

Peter Clar: Die Worte, sagst Du…, Sisyphus 2018
Crauss: DIE HARTE SEITE DES HIMMELS. Pilotengedichte. Verlagshaus Berlin 2018

SCHÖNER SCHREIBEN, ort und zeit

ort und zeit sind die knackpunkte der narrativen künste:

alles geschieht gleichzeitig, der autor muss sich aber notgedrungen auf eine reihenfolge festlegen.

um sich nicht gleich am anfang zu verheddern, muss der autor eine rigorose entscheidung treffen, indem er etwa den ort mit namen nennt oder ihn durch die zeit kennzeichnet: wien, jetzt, wolkenbruch, im aufzug, der wecker klingelt…

ort und zeit gehören zusammen.

im „wirklichen leben“ steht der ort ebenfalls an erster stelle. wird gefragt: wer bist du, so ist das eine frage nach dem woher kommst du. (TEREZIA MORA)

einen sinn für orte und plätze zu haben, beeinflusst eine handlung. es kann sich bei einem beschriebenen ort um ein destillat aus mehreren orten handeln. man braucht einen guten grund, den ort der handlung nicht zu beschreiben. (W.G. SEBALD)

üben Sie sich in anfängen von geschichten: schauen Sie nach, wie berühmte stories beginnen

Deutsch-Tschechischer Literaturaustausch: Crauss mit Stipendium ausgezeichnet

Crauss in da houseDas durch das virtuelle Literaturhaus Bremen vermittelte Förderprogramm „Tapetenwechsel – Ein deutsch-tschechischer Literaturaustausch“ ist eine Form der Schriftstellerförderung, die es Autorinnen und Autoren aus Deutschland ermöglicht, sich während eines Aufenthalts in Tschechien ganz ihren künstlerischen Tätigkeiten zu widmen. Jetzt hat die Jury den Schriftsteller Akın Emanuel Şipal für ein Stipendium in Prag und den Lyriker Crauss für einen Aufenthalt im Kloster Broumov (Böhmen) ausgewählt.
Crauss überzeugte und stach aus der Vielzahl hervorragender Bewerbungen vor allem mit seinem eigenwilligen interdisziplinären Ansatz hervor. Crauss sucht die Erweiterung von Literatur mit Musiker*innen und bildenden Künstler*innen zu besonders intensiven genreübergreifenden Dialogen. Die nachhaltige Beeinflussung seiner eigenen Arbeit durch „Tapetenwechsel“, die Erkundung von fremden Orten und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen erklärte seine Motivation für den Antritt des Stipendiums. Herzlichen Glückwunsch!

rückkehr vom mond: blut und bier in chicago 1932

der ELIF VERLAG hat lyrikerinnen und lyriker eingeladen, gedichte über das zu schreiben, was sie mit CINEMA verbinden. welche filme, szenen, charaktere sie erinnern, welcher schauspielerin oder welchem regisseur sie sich besonders zugeneigt sehen, was sie berührt, inspiriert, vielleicht getröstet hat, was ihr sehen veränderte oder assoziationen weckte.
Crauss hat sich berteiligt mit drei gedichten über peterchens mondfahrt (und einen liebes-moment), Janet Leigh mit Carey Grant sowie über das chicago des Al Capone.

nachdem es in den letzten beiden jahren einige unglückliche bemühungen gab, ein stimmungsbild der lyrik der letzten dekade zu fassen und man besser bedient war mit Tristan Marquardts/Jan Wagners unmöglicher liebe (die kunst des minnesangs in neuen übertragungen), wird CINEMA neben VERSNETZE_ELF wohl die wichtigste anthologie dieses jahres werden.

CINEMA, anthologie im ELIF VERLAG