MOTORRADHELD

EVIL KNIEVELCRAUSS: MOTORRADHELD. PROSA. klagenfurt, wien: ritterbooks 2009. ISBN 978-3-85415-444-0. 304 seiten für 18,90 euro

MOTORRADHELD, das sind über 300 seiten prosa eines seit jahren als lyriker reüssierenden autors: verrückte stories und melancholische jugenderinnerungen des photographen August Sander (siebengebirge paradies rheingold) oder eine szene über die ersten liebesblicke im café. es geht um HELDEN & IKONEN, deren fall, und genau wie im wirklichen leben geht es immer um SEX und GROSSE STÄDTE.
MOTORRADHELDegal, ob es sich bei den texten um gesprächsnotiz, kurzgeschichte, fingierte zeitungsmeldung, essay oder montage handelt: bei aller methodischen strenge erweist sich Crauss als fabulierfreudiger und umwerfend komischer erzähler mit einer vorliebe für BEAT und PORNO, einer obsession für die sehnsucht der POP-generation/en durch das drehen von reglern den ‚anderen‘ zustand herbeizuführen.
aber: DISKO LÜGT, wie einer der texte behauptet. und seine JUGEND kriegt keiner zurück, auch wenn er bis tief in die dreissiger baggy-hosen trägt. jeder neue BEAT führt notwendigerweise in neue abhängigkeit, bildhaft in die subordination unter das diktat des DJ oder in den kollaps von körperfunktionen. dass es mehr um das drehen der regeln geht, darum, dem (künstlerischen) subjekt spielraum zu eröffnen, führen die arbeiten von Crauss mittels ihrer verfahren vor.
„zerfällt nicht der inhalt mit aufhebung der form wie ein zu trocken gebackener kuchen?“ fragt der autor, der um den umstand weiss, dass sich auch die form bei aufhebung des inhalts wie eine zu fette süszspeise im magen verklumpt. wiederholen und wiederaufnehmen beschreibt das kardinalverhalten von POP. Crauss weicht haarscharf und punktgenau davon ab und legt mit der methode des remix die trennlinie fest.
er nimmt sich texte von Hölderlin, Kleist, Winkler,
Hubert Fichte, Brinkmann, Hettche und anderen vor und mischt diese neu ab. die in ihrer gestalt bzw. in ihren zwischenräumen hergestellten veränderungen spitzen das verwendete zu, lassen durch seine bearbeitung wirklichkeit sichtbar werden, die sich dem „original“ ebenso wie herkömmlichen formen der travestie entzieht.

kürzere und längere einzeltexte also, die am ende ein ganzes ergeben, mit HELDINNEN wie den Lissabonmädchen oder James Last, der meister des easy swing und Isaac Hayes, der gott aller 12-incher, jawbreaker und 70er-jahre verfolgungsjagden.
MOTORRADHELD ist nichts als die WAHRHEIT in ihrer erotischsten form. die titelgeschichte zum beispiel handelt vom amerikanischen stuntman EVEL KNIEVEL, der so cool war, dass eine spielzeugfirma ihn als plastikfigur auf den markt brachte. in texten, die sind wie „poesie über explodierenden krokussen“ spielt Crauss seine schriftstellerischen qualitäten auf höchst originelle weise aus. in einem fiktiven brief oder selbstgespräch setzt der autor eine bemerkenswerte erinnerungsbewegung in gang, in der man sich selbst wiederfindet.

MOTOCRAUSSTRACKLIST

KORRIDOR PARK POPPELSDORF / WEINEN IM CAFÉ / EINE FEIER I  / EINE FEIER II, archiv / KENNEN SIE DAS / RENTNERIN ERNTET / NATAN ein raum / BRÜTT ETWA  /NATAN / JETZT: BEI GUSSREGEN / DER JUNGE / CEDOV / TRAKL / THERE IS NO PILOT / ICH HABE EINEN TRAUM [bootleg] / MOTORRADHELD ABGESTÜRZT / EINE FEIER III, get the party started  / FÜR IMMER DISKO, Harriet Köhler nostalgie dub /NATÜRLICH WAR ES ZUFALL I & II, riding on Hölderlin / CLAUDIUS RECHT VERSTEHEN / MEINECKE MUSIK [fliesstext-] lakritzschneckchenmix / DAS ENDE DER POP_LITERATUR / NACHTRAG ZUM ENDE DER POP_LITERATUR / DAS IST JETZT ABER WIRKLICH DAS ENDE, zweiter nachtrag / DISKO LÜGT/ CONFESSIONS* IM PROXI CLUB (adult mix: für immer disko II, jetzt erst recht) / CRAUSS KLEIST SCHILLER, geschichte meiner seele / PERSONENSCHADEN!/ chronologie einer lektüre /ZWERGHÖHEPUNKTE  / ZWERGHÖHEPUNKTE, reprise: grazer tressen /COUNTER/REVOLTE, das alte lied von der gepanze / FICHTE 98 99 NULL  / AUFGEPLATZTE, ANGESCHWEMMTE LEIBER (das sperma der frühe jahre) /KOSENDES SCHWEIGEN / IMPROVISATION AUF DIE ATEMLOSIGKEIT DES DENKENS / ICH BLINZELTE / WAS VERPASST / SIEBENGEBIRGE PARADIES RHEINGOLD / DIE LUFT IST KÜHL, ES DUNKELT / DIE FRAU VON GRÜNDAU / EINE MUSIK / SPURENSUCHE / UNTERWEGS, eine nacht in szenen / SKORPION /SKORPION, re:prise / SKORPION, stück für drei stimmen und Franzobel  / PORTOTIPOBOOTLEG hafenschablone I / PORTOTIPO hafenschablone II / PORTOTIPOBOOTLEG hafenschablone III / PORTOTIPO hafenschablone IV / DIE LISSABONENTLEIBUNG, volle virgin suicide version / FFM-HAUPTBAHNHOF / PITCHER / DESIGNED ON HEADPHONES / DEAD BIRDS SINGIN’ RAIN SONGS / BORN SLIPPY drachen steigen underworld, parts I & II / ORT: übern platz / ORT: allgemeinplatz, detail I & II / POESIE ÜBER EXPLODIERENDEN KROKUSSEN / FUCCORDEON bump fix 3000  / L’ICHT CUT / FUCHSNUDELN / SCHWARZES BALLETT 4: die elektrische videolinie / ICH MÖCHTE ETWAS ERFAHREN ÜBER DEN MANN / KÖNIGIN HALS /MOND / DAS ELEKTRISCHE SPRECHEN / FRIZ + FRITZI VERFOLGUNGSJAGD /PAPAGEIEN / ENGEL / DAS HERZ DER ENGEL LIEGT IN IHREN SCHWINGEN / WILDE GESICHTE VOLL FREUDE/ uranus himmel / ZUCKER / OESFELD II & III / RE/FLEX /AUGENGOLD / KOMPLIZEN / DO YAR THANG – campari passion / BIG BLACK DELIVERY / BIG BLACK BONE / EVERY WOMAN’S DREAM (1979) / WO&WER /GLOSSAR

DISKO LÜGT
Dr. Matthias Fallenstein in: Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte, 2010

Jugend braucht Helden. Am besten einen, der eine schwere Maschine zwischen den kräftigen Schenkeln reitet, auch höchsten Gefahren trotzend. Natürlich wird der Held eines Tages stürzen und den Sturz nicht überleben. Bei Crauss übrigens stirbt er schon auf Seite 41. Der Autor, 1971 geboren, hat in MOTORRADHELD Texte aus 15 Jahren gesichtet, gesammelt, zum Teil revidiert und mit zahlreichen neuen Arbeiten zu einem Ganzen vereinigt. Dass dieses Ganze vielfach in sich gebrochen ist, gehört zum Konzept des Buches. Die Formen, die Crauss unmittelbar nebeneinander stellt, sind äußerst abwechslungsreich: da finden sich kurze Zeitungsmeldungen, lyrisch bis ins kleinste Detail durchgearbeitete Stücke, beinahe ausufernd Essayistisches, weiters knappe Szenen, short stories und Thrill-Geschichten, Buchbesprechungen und anderes, was schwer einzuordnen ist: heimliche Briefe an die Freunde. Aber das Ganze ist auch vielfach ineinander verschlungen: es gibt thematische Zusammenhänge, die durch Anordnung in sieben Kapiteln angedeutet sind; es gibt zwischen einzelnen Stücken eine Art musikalischer Verknüpfung durch Leitmotive; es gibt innerhalb der Texte die ebenfalls musikalischer Praxis folgende Technik des Remix, die eigenes und fremdes Sprachmaterial zitiert, variiert und neu aufeinander bezieht. Ein künstlerisches Verfahren, das sich nicht so leicht erschließt wie traditionell erzählte Prosa. Man fängt mit der Lektüre am besten irgendwo bei einzelnen Stücken an, lässt sich dann auf die sich von selbst einstellenden Zusammenhänge ein, um schließlich einen eigenen Weg durch das ganze Buch zu finden.

Das unsichtbare Zentrum dieses Buches ist ein alter ego des Autors, ein Mann, der die mittägliche Höhe seines Lebens gerade überschritten hat und nun zurückblickt auf das, was unwiederbringlich verloren ist. Er idealisiert die Jugend nicht, er sieht in ihr aber auch keine Abart temporären Irreseins. Er ist verliebt in das Kind, das er einmal war; narzisstisch vernarrt in die Jungs, die ihm das eigene Leben spiegeln, ohne dass er ihre Welt noch teilen könnte. Aber er beobachtet diese Welt mit einer Genauigkeit, die sich darin begründet, dass auch er einmal in ihr zu Hause war. Es weht ein Verlangen nach dem männlichen Geschlecht durch dieses Buch, eine Erinnerung an die Erregungen des heranwachsenden Knaben, der plötzlich entdeckt, dass Haare dort wachsen, wo vorher keins war, und stolz darauf ist, ein Mann zu werden. Die ersten sexuellen Erfahrungen macht er mit dem eigenen Geschlecht: pubertiern heißt onaniern, heißt sich in Phantasien zu erhitzen. Solche Erinnerungen lassen sich präzise beschreiben. Der Beobachter notiert gleichwohl, diese frühen Wirrungen auf keinen Fall noch einmal erleben zu wollen. Genug, sie im Gedächtnis zu halten. Der Bericht schreckt vor pubertären Peinlichkeiten, Skurrilitäten und Groteskem nicht zurück, im Gegenteil, er hält wacker drauf: auch darin erweist sich seine Genauigkeit. Weibliche Wirklichkeit kommt hier kaum vor, der Knabe ist noch zu sehr in sich selbst verstrickt. Einsamkeit, mit sich allein zu sein macht ihm das Leben so berauschend schön wie bitter schwer: wenn er sich Barsche aus dem Himmel greift, versteht niemand, was er damit meint, später wird er es selbst vielleicht nicht mehr wissen. Aber hier und jetzt schafft er sich damit seine Welt.

Die Pubertät dauert heutzutage quälend lange. Sie kann um so weniger ein Ende nehmen, wenn der Jugendliche keine Zukunft vor sich sieht, weil Erwachsene hartnäckig Jugendlichkeit zum Fetisch machen. Der Jugendliche wird damit auf seinen eigenen Stand zurückgeworfen und steckt sozusagen in sich selber fest: Zukunft scheint immer nur das zu sein, was er schon ist. Auch deshalb kann Crauss‘ Prosa keinem Handlungsfaden folgen. Sie beschreibt einen Typus. Wenn dieses Buch als ein Roman gelesen werden kann, so ist es der Roman des Phänotyp Jugend seit den 80er Jahren. Neben zahlreichen anderen literarischen Verweisen, Anspielungen und Zitaten findet sich auch eine Erinnerung an Gottfried Benn. Nur dass Benn in seinem Roman des Phänotyp, von dem Crauss‘ Prosa im formalen Aufbau gar nicht allzu weit abweicht, jene Generation alter Männer vor Augen führt, die eine Vergangenheit loswerden wollten und darum ihr politisches Handeln leugneten und erzählbare Geschichten verschwiegen, während Crauss das Porträt der heute jungen Generation zeichnet, die keine Zukunft vor sich sieht und daher auf Handeln und Geschichte gleich im vorhinein verzichtet. Man hängt ab, tanzt, flirtet, säuft bis zum Koma. Für immer Disko? Crauss weiß genau: Disko lügt.

Aber der Autor vermeidet jede Andeutung einer didaktischen Geste. Bewegung ist ihm nicht Entwicklung, sie ist nur möglich als Bruch. Es ist die immer unsichtbare Zeit, das schleichende Vergehen der Jahre, das den jungen Mann einmal lehren wird: die Seifenblase ist zerplatzt, die Jugend vorüber. So kommt er in eine eigenartig melancholische Mittellage, aus der er nicht einfach heraus kann: plötzlich wird ihm bewusst, dass Zukunft befristet ist, dass es ein Ende geben wird, so wie die Jugend vorbei ist und nur noch Rückblicke auf die Vergangenheit erlaubt sind: Blicke durch eine unüberwindlich trennende, wenn auch durchsichtige Scheibe. Wer diese Distanz nicht respektiert, riskiert ein blaues Auge. Man behält nichts außer dem einen, was man unweigerlich mitnehmen muss in den Abend, ins Alter hinein, dem man nicht gern ins Auge sieht: die Einsamkeit. Einsamkeit wird für den Mittdreißiger in neuer Intensität erfahrbar durch das Sterben der gleichaltrigen Freunde. Mit der Genauigkeit eines Liebenden beobachtet er das unheimliche Wegbrechen körperlicher Funktionen und damit einhergehend des Lebensgefühls der Sterbenden; vergegenwärtigt er die niemals zu füllende Leere des Raums, den ein Verstorbener hinterlässt, beschreibt er die gedankenschwere Tristesse der Friedhöfe, die Absurdität dieser für die Toten errichteten Stätten.

So vielfältig die Texte in diesem Buch sind, so reich ist ihre Sprache. Zwar hört man immer wieder den melodiösen, melancholischen und leicht ironischen Grundton, den Crauss in seinem zweiten Gedichtband ALLES ÜBER RUTH schon angeschlagen hat. Dieser Ton ist romantisches Erbe, Crauss führt es fort und akzeptiert es, wenn man Romantik nicht mit Sentimentalität verwechselt. Er gibt starken Gefühlen einen starken Ausdruck, um diesem sogleich mit einer leichten Wendung das Schwere zu nehmen. Man spürt eine Erinnerung an Heinrich Heine. Romantisch ist auch das Abgründige, Finstere einiger Texte. Von mysteriösen Verschwörungen und maßlosen Verbrechen, von obszönen Handlungen und sexuellen Ausschweifungen ist dann die Rede, freilich oft satirisch überhöht. Hier ist der Rhythmus stampfend, die Sprache hart und kalt, doch manchmal überschlägt sie sich verräterisch. Ab und zu greift Crauss sich Barsche aus dem Himmel. Wer daran denkt, dass in diesem Buch ein Liebender auf der Suche ist nach dem Kind, das er einmal war, den wird das nicht befremden. Denn nicht auf den Spiegel, auf das Begehren kommt es an. Der MOTORRADHELD ist längst hinter der finalen Kurve verschwunden.

MOTORRADHELD in der westfälischen rundschau (pdf)