gedicht des monats – und die story dazu

das seltsamste ist nicht der regen, es ist die zuversicht: Carl-Christian Elze hat das gedicht SCHMETTERLINGSFLÜGEL aus Crauss‘ SCHÖNHEIT DES WASSERS zum gedicht des monats gemacht…

beim lektorat des buchs 2013 amüsierte den verleger köstlich die formulierung der plötzlichen verlobung im SCHMETTERLINGSFLÜGEL-gedicht. und ja, dem autor ist schon klar, dass eine verlobung nicht aus heiterem himmel kommt. alle versuche, synonyme einzusetzen, scheiterten jedoch, da sie entweder noch viel ungelenker klangen oder anderweitig das gleichgewicht innerhalb des poems ungünstig verlagerten. also blieb es beim plötzlich – jedoch nicht ohne konsequenz, denn die diskussion mit dem lektor liess Crauss nicht los.
„als ich später Fran von diesem nachmittag erzählte und dabei das wort plötzlich verwendete, lachte er mich aus“, heisst es später in der story DAS STOLZE GLÜCK. „ich bestand aber darauf, dass mich die nachricht von Angelos verlobung, zumal aus seinem eigenen munde, ganz unerwartet traf.“
die bislang unveröffentlichte geschichte ist hier im pdf nachzulesen, für jugendliche aber eher ungeeignet! viel spass!

FLUSSLAUF MAKEDONISCH

die herausgeber der makedonischen online-zeitschrift slovokult sind sehr um den literarischen austausch bemüht und bringen deshalb jede woche ein ausgewähltes gedicht europäischer lyriker in übersetzung. Elizabeta Lindner hat Crauss‘ FLUSSLAUF dankenswerterweise ins makedonische übertragen:

РЕЧЕН ТРК

св. клеменс веќе се смрачува.
во дворот си играат деца.
тогаш ме задувува развигор тогаш некој
бргу исчезнува во куќата а долу кај реката
нешто ме зграпчува за утроба. колабирам.
во градот чекаат другарите а јас па трчам
кон селото кон полињата и ги размачкувам
витешките заклетви во трската.
љубовта е срање се слушам како пцујам
утрото ќе мора некогаш да осамне.
хоризонтот ми се замаглува во солзи
врне очајно. светот е преполн со
нешта што двојно се нагласуваат но јас
уште го имам вкусот на нашите лузни
во крвта. во крчмата кај распаќето на трковите
телефон. од овде веќе
не се враќам.

FLUSSLAUF

st. clemens dämmert schon.
im hof spielen kinder.
da weht eine brise mich an da verschwindet
jemand schnell im haus und unten am fluss
greift etwas mir ins geweide. ich breche zusammen.
in der stadt warten die freunde ich aber laufe
ins land in die felder und schmiere
auf drachenschwüren ins schilf.
die liebe ist ein scheiss hör ich mich fluchen
der morgen muss irgendwann dämmern.
der horizont verschwimmt mir in tränen
es regnet verzweifelt. die welt ist zu voll
von dingen die man doppelt betont aber ich
habe den geschmack noch von unseren narben
im blut. in der pinte an der gablung der läufe
ein telephon. von hier aus
kehr ich nicht wieder.

 

sweet n’dr’thƏ

A/O
kumm, sweet n’dr’thƏ

łah aihl- łah, aihl- lł-väh
th-aihl łah łah, ah ahil łah łah: th-héhé
n’dr’thƏ (räh rhøø – hH Hh hH Hh h)

es liess mich einfach nicht ruhen. ich hatte immernoch den klang dieses gedichts im ohr, diese fremde und doch so vertraute sprache. A/O, das junge talent von anfang und ende, würde einmal eine grossartige performerin werden. meine liebe freiundin, FrauProfessor, hatte mir ein video der klangkünstlerin geschickt – also übersetzte ich, damit es erhalten bliebe „kumm, sweet n’dr’thƏ“
wie wunderbar da im zweiten vers mit wiederholungen des ersten gearbeitet wird! ohne abzuflachen, im gegenteil: die wendung zum „th’héhé“ am ende des verses signalisiert die vollständige beherrschung formalen geschicks.

ALLE DINGE

Crauss, alle dingedie mainzer malerin und graphikerin Bettina Kykebusch hat sich Crauss‘ gedichtband SCHÖNHEIT DES WASSERS vorgenommen und zwei der darin enthaltenen gedichte als grundlage für ihre arbeit genommen. ALLE DINGE bildet den titel für ein faltbuch mit acht tiefdrucken, die durch eine spezielle schneidetechnik geblättert oder aufgestellt werden können.
die künstlerin hat wald, wasser und spiegelungen photographiert und die photos auf druckplatten übertragen. die umdrucke gibt es nun in zwei verschiedenen formaten: „das vorübergehende bleibt / anschaulich, wahr.“


D 3 C R Y P T 4 G E

ERGÖTZEN, ENTSETZEN, NACH HAUSE

D E C R Y P T A G E, also die entschlüsselung welchen rätsels auch immer, wird das thema der dritten im siegener antiquariat Armin Nassauer stattfindenden lesung sein. Steffen Kurz aus frankfurt, Alistair Noon aus berlin und Crauss loten die spielarten der dichtung aus, sprechen remixes, spielen anleitungen und verdrehen worte.
Steffen Kurz ist ein bastler, sprache sein material. er probiert, was man aus buchstaben, wörtern und geräuschen so bauen kann und wundert sich, wenn ihn jemand dabei versteht.
Alistair Noon hat wegen seiner zweisprachigkeit schon mit den problemen der kommunikation zu tun. er trägt texte auf englisch vor und stellt uns historische landvermessungsrätsel in deutscher übersetzung.
fassung, version, sprachliche variante: Crauss liest lyrische remixes und stellt seine aktuelle veröffentlichung »bunte socken tragen« vor. liebesgedichte auf postkartenformat in einer handbesprühten textschachtel. rabaukig manchmal, oft melancholisch.

die veranstaltungsreihe ERGÖTZEN, ENTSETZEN, NACH HAUSE wird im märz und april fortgesetzt. mögen und teilen kann man auch …

bedürfnis wie wolken

bedürfnis wie wolken
meine generationsnichte sagt ich sei garkein junge

hölderlin stress am frühen morgen
und diese ameisenspur die ich einfach nicht wieder
hölderlin stress und die spur die ich nicht finde
als sei es eine krankheit gewesen
als sei ich ein knabe als sei ich ein mädchen gewesen und fisch
(„oh tod!“)
der warm aus den wassern emporschnellt ich finde die spur
die stelle nicht wieder zwischen den dissonanzen der küste
(„like clouds wrap around the hours“)
eine weisse eine blasse lustfrau
(hutfrau)
clarissa sopran ein
säumiger dünenjunge
rötliches überauge geläut
als sei es nicht ich den ich finde
als sei es der sommer und bleichmorgen
(„oh tod!“)
ein strand voller erdbeeren der kopfschmerzen macht

 verfrüht meldet sich unruhe an und geläut
extrem reduzierte akkorde
(und dunkel) ein ganz schwaches amtszeichen
            clarissa sopran
als sei ich ein knabe ein mädchen gewesen ein
säumiger dünenjunge
eine weisse eine blasse lustfrau
(hutfrau) die meldet du seiest vermisst

 und diese ameisenspur die ich einfach die landstrasse die erdbeern
die wälder des mimas
(kiefern aus stahl) verstellungen dissonanzen der küste
zwei segel die spur