SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 4-6

4
die „not zu schreiben“ (Uwe Kolbe) und die „lust am text“ (Roland Barthes) soll auf leserseite gleichermaszen spürbar sein, damit sich beim lesen die reize hinter/ zwischen den bedeutungen: klänge, metrische spiele, brüche, bedeutungsdopplungen, notwendige ungeschlachtheit (das gedicht als wunde), überhaupt stilistische rafinessen, geniessen lassen.

5
Hubert Fichte macht sich gedanken über „gedicht oder reklamespruch: es könnte doch ein mann kommen und sagen: was da als gedicht steht ist ja sehr schön. aber in meiner PR-abteilung habe ich genauso gute köpfe, und wenn wir eine neue kampagne machen, machen wir doch genau so etwas wie es dort als gedicht steht. wieso ist das vom Höllerer ein gedicht und die arbeit unseres werbetexters (zb für die grünen, beton brennt) weniger dichtung?“ 

6
„nicht deshalb ist etwas ein gedicht“, schreibt Walter Höllerer, „weil es von jemand bestimmtem stammt, dem man zutraut, dass er gedichte schreiben kann, weil er schon andere gedichte geschrieben hat. ich meine auch: beton brennt, ganz gleich, wer es erfunden hat, kann ein gedicht sein, wenn es den vorgang, der zusammenhang, in dem es steht, den vorgang der sensibilisierung nicht nur in richtung einer einzigen funktion [wie bei der werbung] hat, sondern in eine allgemeinere, breitere richtung.“

SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 1-3

1
Peter Geist findet negative beurteilungskriterien, wenn es um gedichte geht: klischeereiches ( = unauthentisches) zeitgeistgeshn, pseudopoetische bebilderung von thesen, stilposen und die soundsovielte imitation eines traklgedichtes.

2, die unschärfe loben:

überraschendes, fesselndes entsteht durch das herausreissen der dinge aus ihren geläufigen zusammenhängen, sagt Walter Benjamin; durch eine bewusst gewordene/ gezielt herbeigeführte unschärfe im welterleben (eine sehschwäche, das verlesen, missverständnise), so Jan Wagner entsteht eine präzision der vorstellungskraft, durch die selbstverständlichkeiten neu entdeckt werden.
das gehirn verknüpft/ assoziiert bei einem „denk“fehler zwar falsch, aber doch naheliegend.

3
was ich von einem gelungenen gedicht erwarte? dass es mich überrascht, fesselt, befremdet, dass es mich entdecken lässt: so, genau so etwas noch überhaupt nicht gesehen/ erfahren/ bedacht zu haben. dass sich die unbedingtheit des sprechens überträgt. das konzentrierte gegeneinander der worte, ihre berührung, umschlingung, ihr abstossen voneinander.

SCHÖNER SCHREIBEN, interessantheit

würden wir bei einem gereimten gedicht das jeweils nächste wort mit sicherheit voraussagen können, wäre das gedicht langweilig. ohne den aufbau einer erwartungsspannung würden wir nicht weiterlesen.

das wertkriterium verlangt, dass literatur nicht langweilig, sondern originell sei. das kann bei gedichten eine sprachliche  schönheit sein, die spannung einer erzählung (wie geht sie aus) oder die geweckte neugier auf einen erkenntnisgewinn (was will mir ein experimenteller/ handlungsloser text vermitteln).

reibungen und härten sollen nicht vorhersehbar sein.

VON DIR

gott, hatte ich diesen kerl lieb!
nach den ersten minuten wollte ich ihn
berühren, ich stellte mir vor, wie umständlich
dieser grosse mund zu küssen sei, die blanken,
weissen zähne zu spüren. nein, ich wollte ihn
ausziehen, sein geschlecht sehn, es betrachten,
mir vorstellen, wie ihr zwei wohl
in einer so geraden, kalten wohnung wie dieser,
wie ihr euch geliebt hattet, wie er sich
schlagen und befriedigen gelassen hatte
          von dir,
wie er genösse, gepeinigt zu werden. ich
stellte mir vor, wie er schrie. wer liebte wen mehr.
wie er vor wut schrie und tobte — aber die zwei
minuten bis dahin konnte ich ihn und seine
lieblose einrichtung nicht ausstehn, er brachte
kein wort raus und sagte zuviel. ich wollte ihn
hinauszerren, ihm die klappe verbieten, den mund
mit den vollen lippen schlagen und befriedigt
sehen, dass er im park draussen, unter den bäumen
eine gute figur machte, mit zwanzig den bauch
eines sechzehnjährigen, mit dreiundzwanzig
ganz jugendlich dastand. nur diese wohnung
mit ratgebern im regal wollte ich kleinschlagen,
anzünden. allgemeinwissen: er war dein
liebhaber gewesen. mein gott, ich hatte ihn gern!

WANDLUNGEN. drei CRAUSSgedichte ins bild gesetzt

wandlungendie mainzer malerin und graphikerin Bettina Kykebusch hat sich Crauss‘ gedichtband SCHÖNHEIT DES WASSERS vorgenommen und drei der darin enthaltenen gedichte als grundlage für ihre arbeit genommen.
the silence of nature within lautet der untertitel des katalogs WANDLUNGEN. neben Crauss haben ua. William Blake und Arthur Rimbaud die künstlerin zu arbeiten über die verschiedenen erscheinungsformen von wasser inspiriert.

gedicht des monats – und die story dazu

das seltsamste ist nicht der regen, es ist die zuversicht: Carl-Christian Elze hat das gedicht SCHMETTERLINGSFLÜGEL aus Crauss‘ SCHÖNHEIT DES WASSERS zum gedicht des monats gemacht…

beim lektorat des buchs 2013 amüsierte den verleger köstlich die formulierung der plötzlichen verlobung im SCHMETTERLINGSFLÜGEL-gedicht. und ja, dem autor ist schon klar, dass eine verlobung nicht aus heiterem himmel kommt. alle versuche, synonyme einzusetzen, scheiterten jedoch, da sie entweder noch viel ungelenker klangen oder anderweitig das gleichgewicht innerhalb des poems ungünstig verlagerten. also blieb es beim plötzlich – jedoch nicht ohne konsequenz, denn die diskussion mit dem lektor liess Crauss nicht los.
„als ich später Fran von diesem nachmittag erzählte und dabei das wort plötzlich verwendete, lachte er mich aus“, heisst es später in der story DAS STOLZE GLÜCK. „ich bestand aber darauf, dass mich die nachricht von Angelos verlobung, zumal aus seinem eigenen munde, ganz unerwartet traf.“
die bislang unveröffentlichte geschichte ist hier im pdf nachzulesen, für jugendliche aber eher ungeeignet! viel spass!

FLUSSLAUF MAKEDONISCH

die herausgeber der makedonischen online-zeitschrift slovokult sind sehr um den literarischen austausch bemüht und bringen deshalb jede woche ein ausgewähltes gedicht europäischer lyriker in übersetzung. Elizabeta Lindner hat Crauss‘ FLUSSLAUF dankenswerterweise ins makedonische übertragen:

РЕЧЕН ТРК

св. клеменс веќе се смрачува.
во дворот си играат деца.
тогаш ме задувува развигор тогаш некој
бргу исчезнува во куќата а долу кај реката
нешто ме зграпчува за утроба. колабирам.
во градот чекаат другарите а јас па трчам
кон селото кон полињата и ги размачкувам
витешките заклетви во трската.
љубовта е срање се слушам како пцујам
утрото ќе мора некогаш да осамне.
хоризонтот ми се замаглува во солзи
врне очајно. светот е преполн со
нешта што двојно се нагласуваат но јас
уште го имам вкусот на нашите лузни
во крвта. во крчмата кај распаќето на трковите
телефон. од овде веќе
не се враќам.

FLUSSLAUF

st. clemens dämmert schon.
im hof spielen kinder.
da weht eine brise mich an da verschwindet
jemand schnell im haus und unten am fluss
greift etwas mir ins geweide. ich breche zusammen.
in der stadt warten die freunde ich aber laufe
ins land in die felder und schmiere
auf drachenschwüren ins schilf.
die liebe ist ein scheiss hör ich mich fluchen
der morgen muss irgendwann dämmern.
der horizont verschwimmt mir in tränen
es regnet verzweifelt. die welt ist zu voll
von dingen die man doppelt betont aber ich
habe den geschmack noch von unseren narben
im blut. in der pinte an der gablung der läufe
ein telephon. von hier aus
kehr ich nicht wieder.