Juli 29 2015

bedürfnis wie wolken

bedürfnis wie wolken
meine generationsnichte sagt ich sei garkein junge

hölderlin stress am frühen morgen
und diese ameisenspur die ich einfach nicht wieder
hölderlin stress und die spur die ich nicht finde
als sei es eine krankheit gewesen
als sei ich ein knabe als sei ich ein mädchen gewesen und fisch
(„oh tod!“)
der warm aus den wassern emporschnellt ich finde die spur
die stelle nicht wieder zwischen den dissonanzen der küste
(„like clouds wrap around the hours“)
eine weisse eine blasse lustfrau
(hutfrau)
clarissa sopran ein
säumiger dünenjunge
rötliches überauge geläut
als sei es nicht ich den ich finde
als sei es der sommer und bleichmorgen
(„oh tod!“)
ein strand voller erdbeeren der kopfschmerzen macht

 verfrüht meldet sich unruhe an und geläut
extrem reduzierte akkorde
(und dunkel) ein ganz schwaches amtszeichen
            clarissa sopran
als sei ich ein knabe ein mädchen gewesen ein
säumiger dünenjunge
eine weisse eine blasse lustfrau
(hutfrau) die meldet du seiest vermisst

 und diese ameisenspur die ich einfach die landstrasse die erdbeern
die wälder des mimas
(kiefern aus stahl) verstellungen dissonanzen der küste
zwei segel die spur

 

 

Juli 28 2015

achtung: nachahmer!

warnung vor vermeintlich originalen Craussbüchern

alles über Udoerst jetzt und per zufall entdeckt: Crauss‘ 2004er gedichtband ALLES ÜBER RUTH wurde offenbar schon vor längerer zeit schlecht gecovert und erschien in der
sogenannten schneider-buch „fan-serie“ als bootleg unter dem titel ALLES ÜBER UDO.
während im einzigen und alleinigen original zwar „körperlich fühlbare texte voll sommer, sonne und sex“ angekündigt, diese jedoch als anspruchsvolle lyrische
märchen und mythen inszeniert werden, die „erotisch in der brust pochen,“ behandelt das nachahmerbuch in schäbig-investigativen rubriken wie sag die wahrheit, Udo! und Udo von A bis Z unappetitliche themen über Udos geheimen lebenswandel. „die abende verbrachte er im hot-club,“ wo er „meistens
nicht mal das nötige kleingeld für eine tasse kaffee in der tasche hatte.“

freimütig bekennt der von 1964 bis 1989 mit einem photomodell verheiratete [anti]held: „mädchen sind eine versuchung. wenn ich irgendwo ein schönes mädchen sehe, muss ich mich nach ihm umdrehen.“ später heisst es weiter: „zwei dinge tut Udo nachts besonders gern“ – aber das wollen wir lieber nicht so genau aus einem werk erfahren, in dem für ein kapitel mit dem titel moral nicht mehr als gerade ein einziger satz verwendet wird, das thema nacktheit aber breiten raum erhält.
„manchmal klingelt es plötzlich an seiner haustür und eine hübsche versuchung steht davor und sagt: ich nehme mir das leben, wenn du mich nicht küsst! voralles über Ruth
solche entscheidungen gestellt, kennt Udo nur eins: er rettet dem mädchen das leben.“

offenbar konnte Holger T.* aus siegen, der seinen namen mutmaszlich auch auf andere schmutztitelkästchen des verlags gemalt hat („dieses schneider-buch gehört…“) den besitz eines solchen machwerks nicht länger ertragen und entschloss sich nach jahrelangen gewissensbissen endlich, das „buch“ in einer givebox in der innenstadt abzugeben.
sollte euch eine ähnliche, mehr oder weniger plumpe fälschung (auch anderer Crauss-veröffentlichungen) auffallen, so bittet der autor um nachricht mit bild oder um zusendung des entsprechenden werks. im letztgenannten fall wird die nachahmung durch ein original ersetzt!
ansonsten gibt es ALLES ÜBER RUTH selbstverständlich weiterhin in jeder guten buchhandlung oder direkt beim verfasser. fragt nach dem original!

 

*vollständige adresse ist der redaktion bekannt

Juli 28 2015

kugel erde: im eschgarten hängt almut

im eschgarten hängt almut

kugel erde

in ostia landet ein flugzeug

im eschgarten hängt almut

die wäsche ans band.

 

die boote im munde

des tiber erinnern an fettaugen.

in kattowitz ist mittag

und gleichzeitig sommer. aber

die autobahn hat einen riss –

da nämlich herrscht winter.

bei rom werden die wol-

ken gekappt.

        ein münchner

sprichwort sagt: die schatten

des elefanten sind grösser

als der elefant ist. sogar die kühe

verheisst das ortsschild von hölching

trinken hier bier.

schau nach auf sieben grad ost

und nord neunundvierzig.

 

es macht einen unterschied

ob du woppenroth sagst

oder heimat denn alles dort

hat sich ereignet und nichts

wie es erzählt wird.

 

bei tölz ladet der hitlerberg

ein zum wandern im everest

schlagen yetis grad schneeengel.

 

im eschgarten hängt almut

die wäsche ans band.

die boote nordöstlich

von amsterdam

sind hundertmal eins.

 

der ganderkessee schimmert

zensurgrau und delm

wie über queenstown der gleitschirm.

überm baldeneysee schwebt

eine boeing auf düsseldorf zu.

 

du kannst die ganze welt absuchen.

 

zwischen hof und plauen ist stau

in der feuerwehrschule frohnau

hat ein passat die trambahn gerammt.

 

und almut hängt immernoch

wäsche ans band…

 

 

aus: LAKRITZVERGIFTUNG. juicy transversions. verlagshaus j. frank, berlin 2011

Juli 28 2015

kugel erde: die welt ist eine suchmaschine

man weiss ja, dass die bekannteste aller suchmaschinen gerne algorythmen einsetzt, die das leben smarter machen sollen. und man weiss auch, dass dabei nicht nur personenbezogene werbung und verstrickung herauskommt, sondern oft genug einfach nur quatsch. und manchmal auch lustiger quatsch, wie z.b. als ich vor einiger zeit* den dichter Linus Westheuser kugelte. ich wusste, ich würde ihm begegnen und wollte mich darauf vorbereiten, weil ich mir manchmal dämlich vorkomme, wenn ich leuten gegenüberstehe und nicht weiss, wer sie sind. die suchmaschine wusste aber offenbar auch (noch) nicht so genau, wer Linus Westheuser sein sollte und spuckte folgende kombination aus:

kugel suche 2012

mittlerweile dürfte einigermaszen bekannt sein, dass der kollege 2014 seinen ersten gedichtband gefeiert hat. den rest kann man sich leicht zusammensuchen.

Juli 27 2015

Crauss liest …

abwärtsABWÄRTS #9. zweiter jahrgang der zeitschrift im basisdruck verlag, juli 2015

Jan Kuhlbrodt schreibt in „die neue lyrik“ über das „einhäkeln von bäumen und fahrbahnbegrenzungen, das in den letzten jahren in mode gekommen ist. die ästhetik der berliner republik also, die sich mehr und mehr in vermeintlichen oder wirklichen belanglosigkeiten gefällt.“

daneben gibts einen spannenden essay von Florian Neuner und unterwegs-miniaturen von Ronald Galenza.

 

 

Juli 25 2015

autoPSI

-1- nachschauen, was in einem steckt und die angst, nichts zu finden. das ist der förderkorb, der die literatur antreibt seit jahrhunderten, tausenden. tausenden ist es bereits gelungen, nichts zu finden. mir nicht. immer habe ich etwas gefunden und war enttäuscht, weils am ende so mickrig aussah. die anderen haben gegraben und gegraben, bis ihnen die hände bluteten, haben alles mögliche zutage befördert, aber nie das, wonach sie ihr lebenlang gesucht haben. ganz grossartige dichter sind sie geworden darüber. sie haben sich selbst etwas vorgemacht, und ihr publikum hat es gesehen. sie haben ihren himmlischen körper aufgeschlitzt, den leuten die gedärme hingehalten, und die leute haben gegessen, bis sie platzten. das herzstück kam zwischen all dem gekröse aber nie zum vorschein. autoPSI heisst, sich selbst etwas vorzumachen. das O und das E zu sehen, obwohl es gar nicht da ist. autoPTIK ist die lehre vom versuch, sich etwas vorzumachen.

-2- es gibt dichter, die können wunderbar erklären, was sie mit ihrer literatur wollen, oder zumindest mit einzelnen texten, ohne diese texte beim erklären zu beschädigen. ich gehöre nicht zu diesen dichtern.  andere wiederum können sich ganz wunderbar mit werken der kollegen auseinandersetzen, ohne wiederum die kollegen zu beschädigen. nicht ich.

-3- kategorisierung ist aber ein menschliches bedürfnis. wenn man menschliche bedürfnisse nicht befriedigt, hat man ganz schnell die revolte im wohnzimmer. alte menschen können schon aus purem trotz inkontinent sein; das sollte man wissen, bevor man der grossmutter den wein verweigert. darum also klipp und klar: die literatur, die ich schreibe, setzt sich auseinander mit rhythmus, sex und grossen — städten. ein für mich typisches gedicht müsste etwa folgendermaszen lauten:

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Juli 25 2015

alles wird gut

das licht wird zuviel, und doch bleibt es
dunkel. an die küsten getrieben sind
glashäuter und schaumwesen: man
lernt nicht mehr laufen, wenn apo
kalyptischer mittsommer herrscht!

aus der luft ergeben sich schwärme
kosmischer spiegelflügler. die zugrouten
sind unterbrochen durch das vergehen
der welt. am ende triumphieren ho
rizontlösende nebel; alles wird gut.