Lydia Daher

flüchtige bürger. bereits von 2010, immernoch (oder wieder) aktuell. eine werbemail für Lydia Dahers neues textmusik-projekt ALGIER veranlasst, dass ich mir älteren projekte der grenzgängerin auch nochmal ansehe. denn gute kunst schimmelt bekanntlich nicht. eine „sound-poesie-fieldrecording-collage, die spröde groovend vieles offen lässt und viele türen öffnet“, schreibt die neue szene augsburg über Dahers mit der band Tatafull gemeinsam produzierte EP.

poesie vernetzt

versnetze_achtteil acht der von Axel Kutsch herausgegebenen versnetze ist soeben erschienen. Crauss ist mit einem poem über den knabenweiher saint gall sowie einem nichtgeschriebenen gedicht von Marieluise Kaschnitz dabei:

vorher im regen / entfärbten die dinge sich. jetzt aber / gab es meerwind

versnetze ist eine der derzeit wichtigsten sammlungen deutschsprachiger poesie, vor allem auch, weil sie einmal nicht davon ausgeht, dass berlin der dreh und nabel von allem ist. die vernetzung ist wieder grossräumig nach postleitzahlbereichen vorgenommen worden, das finale versnetz kleiner grenzverkehr enthält neue gedichte von lyrikern aus österreich, der schweiz, frankreich, den niederlanden, finnland, belgien und den usa. ausser Crauss mit dabei sind ua. Konstantin Ames, Theo Breuer, Safiye Can, Manfred Enzensperger, Falk Andreas Funke, HEL, Stefan Heuer, Astrid Nischkauer, Kai Pohl, Clemens Schittko, Mikael Vogel, und Maximilian Zander.

BUNTE SOCKEN TRAGEN

1_ EIN ANFANG

ende oktober 2014 war ich eine kleine weile zu gast auf dem kulturgut haus nottbeck mit angeschlossenem westfälischen literaturmuseum. der aufenthalt war sehr fruchtbar, obwohl ich mir wahnsinnig selbst auf die nerven ging. das lag nur zum teil an der recht einsamen umgebung und den erlebnissen vor ort, die ich in drei kurzen abschnitten auch im nottbecker hausblog beschrieb: erscheinung I: ein putto, der aus einem allgemeinen gemurmel heraus zu singen beginnt; erscheinung II: schwarzweisse dryaden am abend eines herbsttags; erscheinung III: das irdischste am putto ist immer die mutter!

zu einer ausstellung von Heinrich Schürmanns visueller poesie, in der sich kleinste worteinheiten in bildern auflösen, verfremdet und verdreht werden, schrieb ich das gedicht wij.

und ich schrieb einiges mehr in dieser kurzen zeit auf dem land, im grunde entstand die erste fassung eines kompletten buchmanuskripts. BUNTE SOCKEN TRAGEN: der titel stand relativ schnell fest, da das sockenmotiv sich durch mehrere gedichte hindurch fortsetzt.

die idee, die texte unabhängig vom präsentationsrhythmus meines stammverlags bei einem kleinen editor unterzubringen, konnte nicht umgesetzt werden. daher entschied ich, es sei eine gute gelegenheit, einmal wieder auf den HANDverlag, in dem seit jahren nichts mehr erschienen ist, zurückzugreifen und in selbstproduktion zu gehen.

herausgekommen ist ein dreidimensionales, wirklich sehr selbstgebasteltes medium mit gimmick. einen kleinen vorgeschmack gibt dieses tableau; und mehr zum thema gibts morgen …

kein panzer hilft!

entsetzt bleibe ich in weidenau vor einem transparent stehen, auf dem eine regionale reservistenvereinigung für eine veranstaltung wirbt, bei der sie mit panzermitfahrten geld zu gutem zweck sammeln will. hat nicht erstens jede/r uniformierte dieser tage besseres zu tun als kriegsgerät vorzuführen, sei es auch veraltetes? sind nicht täglich die nachrichten voll von berichten über menschen, die den krieg fliehen? gab es nicht neulich bereits eine gesichtsbuchdebatte darüber, dass man panzerfahrenflüchtlingskinder aus kriegs- und krisengebieten den aufenthalt hier leichter und unterhaltsamer machen wollte, indem man sie auf eine spazierfahrt in panzern mitnehmen wollte? und wennschon sich die reservisten engagieren möchten: wäre nicht ein wettbewerb im notbetten-schnellaufbau oder ähnliches ein geschickterer ‚feldzug‘? zeit- und website-angaben im bild anbei sind bewusst gestrichen. ich fordere dringend auf, das nahende event nicht wahrzunehmen und stattdessen 22 EUR (erwachsener) oder 5 EUR (kinder), die das panzerfahren kosten soll, direkt an die aktion lichtblicke oder die siegener kinderklinik zu spenden – ohne umweg über kriegsverherrlichung.

Denise Ritter …

… realisiert elektroakustische klangkompositionsinstallationen, die ausschliesslich auf audioaufnahmen realer situationen basieren. ortsbezogenheit, betonkonkrete musik, unterirdisch inspirierend, hochofenheiss. für die industrial-stücke schachtanlage gegenort macht Denise Ritter audioaufnahmen vom kohlebergbau und der eisen- und stahlindustrie in der region saar-lor-lux, weltweit higegen wird das partizipative klangkunstprojekt small world wide.

2014 zeigte frau Ritter uns den hölleneingang a, b, c bis z im siegener kunstraum badstrasse. hörproben davon und einiger weiterer arbeiten gibts auf ihrer aktualisierten heimatseite.

völkerwanderung

Aus der den Medien hören wir ständig von Asylbewerbern, sicheren Drittstaaten, Balkanflüchtlingen und Problemen in und um die Unterkünfte. Doch was ist unser Asylrecht überhaupt? Wie läuft ein Asylverfahren ab und warum ist die Problematik gerade jetzt so aktuell? Welche Gründe gibt es, woher kommen die Flüchtlinge und welche Rechte haben sie? […] Wenn die Flüchtlinge in Deutschland angekommen sind, stehen Behörden und Freiwillige diversen Problemen gegenüber, sowohl in den Erstunterkünften als auch in den Flüchtlingsheimen. Welche Schwierigkeiten dies sind und welche Lösungen es an unterschiedlichen Stellen [auch in der Region Siegen-Wittgenstein] gibt, …

… war thema eines hörenswerten vortrags am 10.09.2015 von Kati im hackspace siegen:

befreundete dienste

manche bezeichnen sie als verschwörungstheoretikerin, andere als gründlich recherchierend und ihre thesen zur desinformation der bevölkerung durch regierungsorgane als begründete vermutungen. ichselbst bin nicht sicher, was ich von Gaby Webers arbeit halten soll, finde es aber interessant, dass mich gerade zu einer zeit, in der weitere schlampereien bezugs nsu-affäre bekannt werden, über einen umweg eine mail der journalistin erreicht, in der sie um aufmerksamkeit für ihre klage wirbt:

ich hatte ja schon zweimal gegen den BND geklagt (1992 wegen der strategischen Kontrolle und 2008 wegen Aktenfreigabe seiner Eichmann-Akten), jetzt also ein drittes Mal: Ich hatte letztes Jahr beim BND Akteneinsicht in deren Akten zu beantragt, die sich mit der argentinischen Militärdiktatur (1976 bis 83) befassen. Der BND hatte immer schon einen Residenten an der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, dessen Aufgabe es ist, gute Beziehungen zu den „befreundeten Diensten“ zu unterhalten. Konkret heißt das: der BND ging bei den Folterern ein und aus. Der BND hat meinen Antrag auf umfassende Akteneinsicht abgelehnt, mein Anwalt hat für mich beim Bundesverwaltungsgericht Leipzig Klage eingereicht. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mir helfen würdet, Öffentlichkeit dazu herzustellen. Es geht einfach nicht an, dass die Geheimdienste das Bundesarchivgesetz, das von einer grundsätzlichen Aktenoffenlegung ab 30 Jahre ausgeht, mit Taschenspielertricks umgeht. Hier muss ein Grundsatzurteil her.

Ansonsten laufen die Verfahren gegen das Bundesarchiv wegen Untätigkeit (Bundesverfassungsgericht) und gegen das Bundesamt für Verfassungsschutz wegen Akteneinsicht vor dem VerwG Köln. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Mein Film „Desinformation – ein Lehrstück über die gewünschte Geschichte“ hat bei YouTube ziemlich viele Klicks erhalten, der CCC hat ihn auf seinem Camp gezeigt. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Leider sitzen die Verantwortlichen das Thema aus, d.h. der NDR äußert sich einfach nicht dazu. So kann man natürlich auch auf Kritik reagieren. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr den Film in Eurer Umgebung bekannt machen würdet

 

Crauss liest … im lokalblatt

… löblichen lokaljournalismus, der einen dreispalter darauf verwendet, über eine lesung zu berichten, die aus anlass des bezugs neuer räumlichkeiten eines kulturvereins stattfand. schade nur, dass im artikel mal wieder kein genauer zeitpunkt genannt wird, man sich nicht traut zuzugeben, dass zwischen ereignis und druck wohl mehr als ein paar tage liegen. fühlte sich ein leser denn wirklich um die aktualität betrogen, wenn das genaue, eventuell sogar schon eine woche zurückliegende datum bekanntgegeben wüde? der lokalforscher wird sich in einigen jahren jedenfalls ärgern, wenn er die recherche nachholen muss, die der journalist versäumt hat – wenn es sich denn nicht bloss um eine modifizierte pressemitteilung handelt. denn als autor steht ganz allgemein „sz“, und das photo zum artikel hat der verein offenbar selbst beigesteuert.

die siegener zeitung beschreibt angenehmerweise sehr ausführlich die russlandreise/n Rainer Maria Rilkes und seiner begegnung mit der dichterin Marina Zwetajewa. vollkommen ausgelassen werden aber wichtige informationen, welchen zweck der russisch-deutsche kulturverein eigentlich hat oder was in zukunft geplant ist, beispielsweise auch, zu welchen tages- und uhrzeiten das ladenlokal in der siegener oberstadt betreut wird. noch steht hierzu auch nichts auf der vereinshomepage (umso wichtiger wäre eine notiz in der sz gewesen). immerhin lernt man dort aber, dass sich litera aus einem lesekreis der  Johann-Gottfried-Herder-Bibliothek Siegerland e.V. gebildet hat, einer institution, die mir von früheren besuchen als recht konservativ in erinnerung ist und die „die begegnung mit dem deutschen und europäischen osten […] fördern und das dort in jahrhunderten gewachsene deutsche kulturerbe als bereicherndes element in die gesamtdeutsche entwicklung“ einbringen will (zit. nach homepage).

auf der litera-seite gibts neben der leicht zugänglichen satzung immerhin auch ein sehr umfangreiches verzeichnis der bücher, die der verein in bezug auf russische literatur und deutsch-russische beziehungen vorhält. das ist wohl mehr als die lokalpresse leisten konnte.

 deutsch-russisches kulturzentrum litera