NOCH MEHR LAKRITZ

hauptstadt | ein mann aus dem wedding fordert 6.000 euro schmerzensgeld von einem bonner süsswarenhersteller: Harry Bohn (48) verdrückte über ein halbes jahr täglich eine 400-gramm-tüte matador mix: „ich wollte abnehmen und mich fettarm ernähren,“ erklärt der kostümverleiher. ausserdem rechnete er sich offenbar verbesserte chancen beim süssholz-raspeln mit seiner kostümverleih-kollegin aus. schliesslich kenne doch jedermann den spruch „lakritz macht spitz.“

dann jedoch brach Bohn mit herzbeschwerden zusammen, landete in der notaufnahme der charité und musste stationär behandelt werden. zornig packte er den stier bei den hörnern und zog vor gericht: „der süssholz-zucker der lakritze hat mich ins krankenhaus gebracht! auf der tüte fehlte ein warnhinweis.“ das im matador mix enthaltene glycyrrhizin kann bei übermässigem genuss nämlich zu bluthochdruck, ödemen und lendenmuskelschwäche führen. das bundesamt für risikobewertung: „menschen mit erhöhtem risikofaktor sollten ihren lakritzkonsum also einschränken.“

Bärbel Stiftblei, chefin der rechtsabteilung des bonner stangen-, schnecken- und lakritzgeldherstellers: „beim matador mix ist der warnhinweis nicht nötig. die werte liegen hier unter dem durchschnitt. zudem dürfte wohl jeder mann so gut wie die ernährungsbewusste frau schonmal den spruch gehört haben: pizza macht spitzer…“

ob Harry Bohn sich vor gericht tatsächlich chancen auf wiedergutmachung ausrechnen kann, ist derzeit noch unklar. Crauss jedoch hat sich zum thema jedenfalls seine ganz eigenen gedanken gemacht: demnächst erscheint die zweite, verbesserte und leicht erweiterte auflage des bestsellers LAKRITZVERGIFTUNG. der lyrikband enthält juicy transversions, gedichte aus Crauss’ tourprogrammen in neuen fassungen und zusätzlich übersetzt in alle zehn notwendigen sprachen: von siegerländer platt bis italienisch, französisch und georgisch.

lakritzbaby„mein kopf ist ein nachtklub,“ schreibt der dichter – und meint es ernst. poeme wie „die frau die neben mir wohnt“ oder „untersuchung der körperwiesen“ sind liebesgedichte in einem ganz eigenen sound: klassische themen werden im alltäglichen sichtbar, mythen und märchen gegenwärtig. die melancholische selbstschau eines von zuhause geflohenen wechselt mit der kräftigen erotik einer unbekannten steilküste, dem verlangen nach einem sturz ohne aufzuschlagen. „ein atemberaubendes musikstück vermag in den wunsch zu münden, es wieder und wieder zu hören“, schreibt Ulrich van Loyen. „kann aber ein gedicht in diesem sinn projektionsfläche für wünsche sein? bei Crauss gelingt dies!“ Crauss musiziert nicht getragen, nicht lento, sondern con fuoco.

LAKRITZVERGIFTUNG. JUICY TRANSVERSIONS MAKING YOUR DICK ACHE. ZWEITE, VERBESSERTE UND ERWEITERTE AUFLAGE. VERLAGSHAUS BERLIN 2011/2015. quartheft 29, edition polyphon, 180 seiten, softcover, 18,90 EUR, ISBN: 978-3-940249-96-8

 

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