BUNTE SOCKEN TRAGEN

2_PRODUKTION

ziemlich genau vor einem jahr, gleich zu beginnn der herbstmelancholie also, sass ich mitten auf dem platten land und schrieb die erste fassung eines buchmanuskripts. der titel, BUNTE SOCKEN TRAGEN, stand schnell fest, da das sockenmotiv sich durch mehrere der gedichte fortsetzt. die idee, die texte unabhängig vom präsentationsrhythmus meines stammverlags bei einem kleinen editor unterzubringen, konnte aber nicht umgesetzt werden. daher entschied ich, es sei eine gute gelegenheit, einmal wieder auf den HANDverlag, in dem seit jahren nichts mehr erschienen ist, zurückzugreifen und in selbstproduktion zu gehen:

# texte drucken, schneiden, ordnen # eine passende schachtel finden und mittels schablone beschriften # alles zusammenfalten, füllen und mit einem besonderen gimmick bestücken …

herausgekommen ist ein dreidimensionales, wirklich sehr selbstgebasteltes medium, ca 33 liebesgedichte auf 29 A6-karten und 2 langgedichten als leporello sowie 5 bildkarten, die Crauss mit den bedichteten originalsocken zeigen. jede der handbesprühten schachteln enthält zusätzlich 1 paar BUNTE SOCKEN in einheitsgrösse 41-45.

morgen mehr zum thema. wer die schachtel jetzt schon will (12 EUR plus porto), schreibt einfach eine mail an die kontaktadresse!

poesie vernetzt

versnetze_achtteil acht der von Axel Kutsch herausgegebenen versnetze ist soeben erschienen. Crauss ist mit einem poem über den knabenweiher saint gall sowie einem nichtgeschriebenen gedicht von Marieluise Kaschnitz dabei:

vorher im regen / entfärbten die dinge sich. jetzt aber / gab es meerwind

versnetze ist eine der derzeit wichtigsten sammlungen deutschsprachiger poesie, vor allem auch, weil sie einmal nicht davon ausgeht, dass berlin der dreh und nabel von allem ist. die vernetzung ist wieder grossräumig nach postleitzahlbereichen vorgenommen worden, das finale versnetz kleiner grenzverkehr enthält neue gedichte von lyrikern aus österreich, der schweiz, frankreich, den niederlanden, finnland, belgien und den usa. ausser Crauss mit dabei sind ua. Konstantin Ames, Theo Breuer, Safiye Can, Manfred Enzensperger, Falk Andreas Funke, HEL, Stefan Heuer, Astrid Nischkauer, Kai Pohl, Clemens Schittko, Mikael Vogel, und Maximilian Zander.

BUNTE SOCKEN TRAGEN

1_ EIN ANFANG

ende oktober 2014 war ich eine kleine weile zu gast auf dem kulturgut haus nottbeck mit angeschlossenem westfälischen literaturmuseum. der aufenthalt war sehr fruchtbar, obwohl ich mir wahnsinnig selbst auf die nerven ging. das lag nur zum teil an der recht einsamen umgebung und den erlebnissen vor ort, die ich in drei kurzen abschnitten auch im nottbecker hausblog beschrieb: erscheinung I: ein putto, der aus einem allgemeinen gemurmel heraus zu singen beginnt; erscheinung II: schwarzweisse dryaden am abend eines herbsttags; erscheinung III: das irdischste am putto ist immer die mutter!

zu einer ausstellung von Heinrich Schürmanns visueller poesie, in der sich kleinste worteinheiten in bildern auflösen, verfremdet und verdreht werden, schrieb ich das gedicht wij.

und ich schrieb einiges mehr in dieser kurzen zeit auf dem land, im grunde entstand die erste fassung eines kompletten buchmanuskripts. BUNTE SOCKEN TRAGEN: der titel stand relativ schnell fest, da das sockenmotiv sich durch mehrere gedichte hindurch fortsetzt.

die idee, die texte unabhängig vom präsentationsrhythmus meines stammverlags bei einem kleinen editor unterzubringen, konnte nicht umgesetzt werden. daher entschied ich, es sei eine gute gelegenheit, einmal wieder auf den HANDverlag, in dem seit jahren nichts mehr erschienen ist, zurückzugreifen und in selbstproduktion zu gehen.

herausgekommen ist ein dreidimensionales, wirklich sehr selbstgebasteltes medium mit gimmick. einen kleinen vorgeschmack gibt dieses tableau; und mehr zum thema gibts morgen …

1997-2013, ein rückblick auf 25 kritische ausgaben

band 5 der im weidle verlag erscheinenden edition kritische ausgabe gibt einen rückblick auf 25 ausgaben der bonner zeitschrift für germanistik und literatur. die herausgeber Marcel Diel, Benedikt Viertelhaus und Fabian Beer präsentieren aus siebzehn nummern je einen herausragenden aufsatz, beispielsweise über „pop, hotels und zeichensysteme“ (Ralf Hanselle), „Jüngers ästhetik der ‚werkstättenlandschaft'“ (Jürgen Brokoff) oder den „säufer-poet“ ETA Hoffmann (Marko Milovanovic). edition KA

Crauss hat sich zum kapitel über die „literarische provinz“ in „die mitte der welt“ begeben: ganz gleich, ob wir unser dorf schabbach oder klafeld nennen – wir erkennen unsere heimat oft nicht wieder, wenn uns das fernweh gepackt hat und wir erst nach jahren aus der welt zurückkehren. der autor und filmemacher Edgar Reitz hat sich ein halbes leben lang mit der sehnsucht der weggeher und den nöten der daheimgebliebenen beschäftigt. und er hat gefunden, dass wir die heimat in unserem herzen mit uns tragen, egal wie fern wir fliehen. auch, wenn die abkehr von der provinz ein lebenslanger motor ist: im dreiteiligen »heimat«-epos zeigt Reitz, dass sich an einem dorf und einer ländlichen region das schicksal der gesamten nation widerzuspiegeln vermag.
Crauss erzählt die geschichte von Maria Simon, die, geboren 1900, stets genauso alt wie das jahrhundert war – und den werdegang ihres sohnes Hermann, dessen erste liebe aus dem dorf verjagt wird und der seiner heimat selbst den rücken kehrt mit einem schwur, nie wiederzukommen. alles, was erzählt wird, hat sich wirklich ereignet – nichts hat sich so ereignet, wie es erzählt wird.

bedürfnis wie wolken

bedürfnis wie wolken
meine generationsnichte sagt ich sei garkein junge

hölderlin stress am frühen morgen
und diese ameisenspur die ich einfach nicht wieder
hölderlin stress und die spur die ich nicht finde
als sei es eine krankheit gewesen
als sei ich ein knabe als sei ich ein mädchen gewesen und fisch
(„oh tod!“)
der warm aus den wassern emporschnellt ich finde die spur
die stelle nicht wieder zwischen den dissonanzen der küste
(„like clouds wrap around the hours“)
eine weisse eine blasse lustfrau
(hutfrau)
clarissa sopran ein
säumiger dünenjunge
rötliches überauge geläut
als sei es nicht ich den ich finde
als sei es der sommer und bleichmorgen
(„oh tod!“)
ein strand voller erdbeeren der kopfschmerzen macht

 verfrüht meldet sich unruhe an und geläut
extrem reduzierte akkorde
(und dunkel) ein ganz schwaches amtszeichen
            clarissa sopran
als sei ich ein knabe ein mädchen gewesen ein
säumiger dünenjunge
eine weisse eine blasse lustfrau
(hutfrau) die meldet du seiest vermisst

 und diese ameisenspur die ich einfach die landstrasse die erdbeern
die wälder des mimas
(kiefern aus stahl) verstellungen dissonanzen der küste
zwei segel die spur

 

 

kugel erde: im eschgarten hängt almut

im eschgarten hängt almut

kugel erde

in ostia landet ein flugzeug

im eschgarten hängt almut

die wäsche ans band.

 

die boote im munde

des tiber erinnern an fettaugen.

in kattowitz ist mittag

und gleichzeitig sommer. aber

die autobahn hat einen riss –

da nämlich herrscht winter.

bei rom werden die wol-

ken gekappt.

        ein münchner

sprichwort sagt: die schatten

des elefanten sind grösser

als der elefant ist. sogar die kühe

verheisst das ortsschild von hölching

trinken hier bier.

schau nach auf sieben grad ost

und nord neunundvierzig.

 

es macht einen unterschied

ob du woppenroth sagst

oder heimat denn alles dort

hat sich ereignet und nichts

wie es erzählt wird.

 

bei tölz ladet der hitlerberg

ein zum wandern im everest

schlagen yetis grad schneeengel.

 

im eschgarten hängt almut

die wäsche ans band.

die boote nordöstlich

von amsterdam

sind hundertmal eins.

 

der ganderkessee schimmert

zensurgrau und delm

wie über queenstown der gleitschirm.

überm baldeneysee schwebt

eine boeing auf düsseldorf zu.

 

du kannst die ganze welt absuchen.

 

zwischen hof und plauen ist stau

in der feuerwehrschule frohnau

hat ein passat die trambahn gerammt.

 

und almut hängt immernoch

wäsche ans band…

 

 

aus: LAKRITZVERGIFTUNG. juicy transversions. verlagshaus j. frank, berlin 2011

autoPSI

-1- nachschauen, was in einem steckt und die angst, nichts zu finden. das ist der förderkorb, der die literatur antreibt seit jahrhunderten, tausenden. tausenden ist es bereits gelungen, nichts zu finden. mir nicht. immer habe ich etwas gefunden und war enttäuscht, weils am ende so mickrig aussah. die anderen haben gegraben und gegraben, bis ihnen die hände bluteten, haben alles mögliche zutage befördert, aber nie das, wonach sie ihr lebenlang gesucht haben. ganz grossartige dichter sind sie geworden darüber. sie haben sich selbst etwas vorgemacht, und ihr publikum hat es gesehen. sie haben ihren himmlischen körper aufgeschlitzt, den leuten die gedärme hingehalten, und die leute haben gegessen, bis sie platzten. das herzstück kam zwischen all dem gekröse aber nie zum vorschein. autoPSI heisst, sich selbst etwas vorzumachen. das O und das E zu sehen, obwohl es gar nicht da ist. autoPTIK ist die lehre vom versuch, sich etwas vorzumachen.

-2- es gibt dichter, die können wunderbar erklären, was sie mit ihrer literatur wollen, oder zumindest mit einzelnen texten, ohne diese texte beim erklären zu beschädigen. ich gehöre nicht zu diesen dichtern.  andere wiederum können sich ganz wunderbar mit werken der kollegen auseinandersetzen, ohne wiederum die kollegen zu beschädigen. nicht ich.

-3- kategorisierung ist aber ein menschliches bedürfnis. wenn man menschliche bedürfnisse nicht befriedigt, hat man ganz schnell die revolte im wohnzimmer. alte menschen können schon aus purem trotz inkontinent sein; das sollte man wissen, bevor man der grossmutter den wein verweigert. darum also klipp und klar: die literatur, die ich schreibe, setzt sich auseinander mit rhythmus, sex und grossen — städten. ein für mich typisches gedicht müsste etwa folgendermaszen lauten:

autoPSI weiterlesen

alles wird gut

das licht wird zuviel, und doch bleibt es
dunkel. an die küsten getrieben sind
glashäuter und schaumwesen: man
lernt nicht mehr laufen, wenn apo
kalyptischer mittsommer herrscht!

aus der luft ergeben sich schwärme
kosmischer spiegelflügler. die zugrouten
sind unterbrochen durch das vergehen
der welt. am ende triumphieren ho
rizontlösende nebel; alles wird gut.

LAKRITZVERGIFTUNG: die erste auflage ist ausverkauft!

LAKRITZVERGIFTUNGauch wenn die zweite, erweiterte auflage noch in arbeit ist: die ersten 500 exemplare der LAKRITZVERGIFTUNG sind bis auf wenige, beim autor erhältliche restexemplare ausverkauft. wow!
es ist ja durchaus nicht der normalfall, dass gedichtbüchern nach angemessener zeit ein nachdruck widerfährt, sie also nicht nur ihre leser finden, sondern diese die poesie auch fleissig weiterempfehlen. selbst aus funk und fernsehen bekannte dichter sind in dieser hinsicht nicht verwöhnt. umso erfreulicher also, geradezu aufregend, dass bald die zweite charge mit juicy transversions kommt und noch mehr schwarzes gift in umlauf bringt.
und es war ein grosser spass, gemeinsam mit den beiden übersetzern Claude Pruvot und Joachim Jung, die eigens aus nordfrankreich bzw. norditalien angereist waren, eine dreisprachige LAKRITZVERGIFTUNG anzurühren. die bude, das heisst: die vom kunstprojekt badstrasse außer haus kuratierte bedürfnisanstalt im siegener obergraben war voll und es hiess am abend des 16. juli 2015 gleichsam: „mein kopf ist ein nachtklub“.
Crauss in da klo-house
übrigens: die bedürfnisanstalt zeigt noch bis 26. september kunst in der historischen toilettenanlage. schaut doch beispielsweise am 20.08. vorbei, wenn Mara Genschel aus stuttgart und Peter Strickmann aus saarbrücken text und klang installieren! ein genaues programm gibts hier

gefühls / erregungskunst

kronabitter mayroeckerFriederike Mayröcker ist die königin der deutschsprachigen poesie. Erika Kronabitter hat ihr einen sammelband mit widmungsgedichten zum 90. geburtstag geschenkt. mit dabei sind ua. Malte Abraham, Dato Barbakadse, Theo Breuer, Nora Gomringer, Adrian Kasnitz, Swantje Lichtenstein, lemens Schittko, Matthias Schmidt, Verena Stauffer, Yoko Tawada, Joseph Wälzholz und Christel Fallenstein, ohne die in den letzten jahren kaum ein Mayröckerbuch gedruckt worden wäre.

 

Crauss hat sich mit zwei gedichten beteiligt, die 2016 auch in seinem neuen lyrikband nachzulesen sein werden:

 

atmen wie kohlenholen und deine gedichte (vocoding fm):

 

deine gedichte / sind mir ein grosser roman gefühls / erregungskunst oder zwischen eros und tod alles / was die brust des menschen durchzieht