Januar 14 2016

Crauss liest …

Marie Luise Kaschnitz: das haus der kindheit. (rowohlt 1962, claassen 1956)

zauber und qual der kindheit werden in diesem buch beschworen und gegenwärtig. die autorin führt uns in ein unwirkliches museum, widerstrebend fast betritt sie es. mit geheimnisvollen apparaturen werden bilder, erscheinungen und empfindungen scheinbar zusammenhanglos zurückgerufen. der geheime sinn bleibt mosaik, die vergangenheit hat zukunft, den leser des berichts gruselt es.
Kaschnitz: haus der kindheit
„der gedanke, auch nur einen tag lang ganz ohne pause den quälereien des museums ausgesetzt zu sein, ist mir entsetzlich. zunächst würde mich, da ich alle beziehungen vorübergehend abgebrochen habe, niemand dort suchen, später aber wären, selbst für die polizei, meine spuren völlig verwischt.
manchmal kommt mir das haus der kindheit vor wie ein bergwerk, in dem ich immer tiefer hinabsteige, dem herzen der erde zu. im schosze der erde gibt es schaurige höhlen und ausweglose stollen, in denen schlagende wetter drohen, aber es gibt auch gold- und silberadern, edelsteine und halbedelsteine. der heutige „edelstein“: ein lichtes blattgeflimmer, dazu faulbaumblütengeruch und ein ferner unzählbarer kuckucksruf wären eine reine freude gewesen, hätte sich nicht, wohl als folge des bereits durchgenommenen erfahrungspensums, das schmerzliche gefühl einer schon verlorenen heimat dazu eingestellt.“

Januar 13 2016

1947
GROUND CONTROL TO MAJOR TOM
YOUR CIRCUIT’S DEAD, THERE’S SOMETHING WRONG
2016

monatelang gabst du dich der illusion hin, es könne ein ganz normaler cola-trinker, frittenfresser, teenager eben aus dir werden: naiv genug, zu glauben, die komplimente, die dir die „weiber“ auf den ersten partys machten (zu recht, wie du fandst, sahst du doch mit einem rosa seidentuch deiner schwester um den hals und etwas schmiere in den haaren unwirklich gut aus, wie David Bowie: „super, mann – momentchen mal – unter den augen fehlt noch ein strich kajal …“), bedeuteten, du seist, androgyn, wie du offensichtlich warst, wie es aber doch bloss phänotypisch modisch war, als mensch unter menschen akzeptiert, genauso anonym, wie die Andrea und der Günther – und ohne dir einzugestehen, dass du viel zu eitel warst, um von denen nicht abstechen zu wollen.

Florian König in Joachim Helfers du idiot!
November 1 2015

Crauss liest …

eine flüchtlingsgeschichte von David Leavitt, the two hotel francforts: in the summer of 1940 lisbon is the only neutral port left in europe. it is a city overcrowded with exiles, spies, refugees of every nationality. in this precarious atmosphere two couples awaiting safe passage to new york meet. both are best by the social and sexual anxieties of their age. as europe sinks inexorably into war, the hidden threads which bind these four characters begin to unravel.

David Leavitt, the two hotel francforts„the point is, by signing all these visas, the consul was flagrantly violating orders, whiche were not to issue a single visa without getting clearance from lisbon. he had a conscience – for which he’ll pay dearly. and in the meantime Salazar’s stuck with a hundred thousand refugees.“
„can’t he send them back?“
„back where? spain won’t have them. france won’t have them. did i tell you abaout the couple Iris and i met on the International Bridge? the wife was dutch, the husband belgian. it turned out they’d made it through the french border patrol and crossed into spain, only to be told by the spaniards that there was something wrong with the wife’s visa – they couldn’t read the date or something – and she had to go back to france and get a new one. so then she walked back to the french side of the bridge, where the french guards told her that she couldn’t enter france because she didn’t have a french entry visa. so then she trooped back to the spanish side, only to be told … well, you get the picture. for all i know, she’s still on the bridge.“

September 8 2015

Crauss liest … im lokalblatt

… löblichen lokaljournalismus, der einen dreispalter darauf verwendet, über eine lesung zu berichten, die aus anlass des bezugs neuer räumlichkeiten eines kulturvereins stattfand. schade nur, dass im artikel mal wieder kein genauer zeitpunkt genannt wird, man sich nicht traut zuzugeben, dass zwischen ereignis und druck wohl mehr als ein paar tage liegen. fühlte sich ein leser denn wirklich um die aktualität betrogen, wenn das genaue, eventuell sogar schon eine woche zurückliegende datum bekanntgegeben wüde? der lokalforscher wird sich in einigen jahren jedenfalls ärgern, wenn er die recherche nachholen muss, die der journalist versäumt hat – wenn es sich denn nicht bloss um eine modifizierte pressemitteilung handelt. denn als autor steht ganz allgemein „sz“, und das photo zum artikel hat der verein offenbar selbst beigesteuert.

die siegener zeitung beschreibt angenehmerweise sehr ausführlich die russlandreise/n Rainer Maria Rilkes und seiner begegnung mit der dichterin Marina Zwetajewa. vollkommen ausgelassen werden aber wichtige informationen, welchen zweck der russisch-deutsche kulturverein eigentlich hat oder was in zukunft geplant ist, beispielsweise auch, zu welchen tages- und uhrzeiten das ladenlokal in der siegener oberstadt betreut wird. noch steht hierzu auch nichts auf der vereinshomepage (umso wichtiger wäre eine notiz in der sz gewesen). immerhin lernt man dort aber, dass sich litera aus einem lesekreis der  Johann-Gottfried-Herder-Bibliothek Siegerland e.V. gebildet hat, einer institution, die mir von früheren besuchen als recht konservativ in erinnerung ist und die „die begegnung mit dem deutschen und europäischen osten […] fördern und das dort in jahrhunderten gewachsene deutsche kulturerbe als bereicherndes element in die gesamtdeutsche entwicklung“ einbringen will (zit. nach homepage).

auf der litera-seite gibts neben der leicht zugänglichen satzung immerhin auch ein sehr umfangreiches verzeichnis der bücher, die der verein in bezug auf russische literatur und deutsch-russische beziehungen vorhält. das ist wohl mehr als die lokalpresse leisten konnte.

 deutsch-russisches kulturzentrum litera

September 7 2015

Crauss liest …

diebsgeschichteFriedrich Kröhnkes diebsgeschichte über einen berliner stadtneurotiker. erstaunlich, dass diebsgeschichte eine art reisebuch ist und sich einreiht in die vorigen romane, in denen es nach asmara, estland, prag, indien und mexiko ging. denn die diebsgeschichte spielt sich in berlin ab.
von da und dieser auf den tagedieb Kleymann zu kommen, ist ja nur ein kleiner schritt, zumindest ein guter übergang, wie ihn ein dj schätzen würde. der protagonist des ratten-romans scheint „in einer ungenauen und mäszig durchdachten weise von dem zusammenhang zwischen jungenschönheit und sozialistischer morgenröte überzeugt.“ genügt es zu sagen, ratten-romandass Kleymann „einfach ’so eine sozialisation‘ erfahren hat? dass er in jenen jahren, die er selbst seine ‚kampfzeit‘ nennt, von den keuschen und treuen und aufregenden und wechselnden beziehungen zu erst gleichaltrigen und dann, während er älter wurde, immer jüngeren jungen geprägt worden ist? und dass ihm diese gewordenheit und geschichtlichkeit seiner selbst eben behagt? so jedenfalls sieht ers.“

ratten-roman. berlin: verlag rosa winkel 1986
diebsgeschichte. salzburg: müry salzmann 2015

Juli 31 2015

„ICH LIEBE ROTHAARIGE“

… rief Silke übermütig. „mein ganzes leben besteht aus roten haaren!“

mich erreicht eine werbemail* zu Rita Königs im herbst erscheinenden romandebut rot ist schön. Silke ist fünfzehn, ihre familie zerbricht, die mauer fällt, nichts mehr hat bestand. genauso liebt Silke: in rothaarigen liebhabern sucht sie ihre familie, und der verlag weiss, wie man leserinnen fängt:

  • identitätsroman
  • ddr ohne ostalgie
  • für Saša-Stanišic-leser

ich komme ins grübeln: Crausslyrik – für Konstantin-Ames-leser? oder doch besser: für Jan-Wagner-ermattete? was die roten haare angeht, halt ich es jedenfalls mit Heine:

am alten turme/ der rote bursche/ dem dichter wild sang:/ bleib bei mir, ich küss dich/

 

*nicht gemeint ist hier gemeine spam!

Juli 31 2015

fonky silence siegen

fonky silence siegenzufall oder bedeutung, dass ich mir zur neuen lektüre über die stadt, die stets als grau und trostlos verschrien wird und deren bewohnern es seit je an selbstbewusstsein mangelt, aus meiner lesezeichensammlung ausgerechnet fonky silence herausgreife? 1963/64, als stadt auf eisernem grund erschien, war die stimmung jedenfalls noch positiv und auch der öpnv, über den ich persönlich mich in siegen mit am meisten ärgere, wurde gelobt: „drei omnibusbahnsteige bilden den bahnhof für den vorzüglich [!] ausgebauten nahverkehr, der siegen mit seiner näheren und weiteren umgebung verbindet.“

über die verkehrsbetriebe und die spezies busfahrer werde ich mich sicher an anderer stelle weiter ärgern, lasse mich aber zunächst gern unvoreingenommen auf einen rundgang durch die stadt mitnehmen, aus der berühmte leute wie der kartograph Tilmann Stella stammen oder Wieland, der ganz in der nähe schwerter und pokale für den zauberer Merlin schmiedete. immerhin!*

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Juli 27 2015

Crauss liest …

abwärtsABWÄRTS #9. zweiter jahrgang der zeitschrift im basisdruck verlag, juli 2015

Jan Kuhlbrodt schreibt in „die neue lyrik“ über das „einhäkeln von bäumen und fahrbahnbegrenzungen, das in den letzten jahren in mode gekommen ist. die ästhetik der berliner republik also, die sich mehr und mehr in vermeintlichen oder wirklichen belanglosigkeiten gefällt.“

daneben gibts einen spannenden essay von Florian Neuner und unterwegs-miniaturen von Ronald Galenza.