Crauss liest …

diebsgeschichteFriedrich Kröhnkes diebsgeschichte über einen berliner stadtneurotiker. erstaunlich, dass diebsgeschichte eine art reisebuch ist und sich einreiht in die vorigen romane, in denen es nach asmara, estland, prag, indien und mexiko ging. denn die diebsgeschichte spielt sich in berlin ab.
von da und dieser auf den tagedieb Kleymann zu kommen, ist ja nur ein kleiner schritt, zumindest ein guter übergang, wie ihn ein dj schätzen würde. der protagonist des ratten-romans scheint „in einer ungenauen und mäszig durchdachten weise von dem zusammenhang zwischen jungenschönheit und sozialistischer morgenröte überzeugt.“ genügt es zu sagen, ratten-romandass Kleymann „einfach ’so eine sozialisation‘ erfahren hat? dass er in jenen jahren, die er selbst seine ‚kampfzeit‘ nennt, von den keuschen und treuen und aufregenden und wechselnden beziehungen zu erst gleichaltrigen und dann, während er älter wurde, immer jüngeren jungen geprägt worden ist? und dass ihm diese gewordenheit und geschichtlichkeit seiner selbst eben behagt? so jedenfalls sieht ers.“

ratten-roman. berlin: verlag rosa winkel 1986
diebsgeschichte. salzburg: müry salzmann 2015

„ICH LIEBE ROTHAARIGE“

… rief Silke übermütig. „mein ganzes leben besteht aus roten haaren!“

mich erreicht eine werbemail* zu Rita Königs im herbst erscheinenden romandebut rot ist schön. Silke ist fünfzehn, ihre familie zerbricht, die mauer fällt, nichts mehr hat bestand. genauso liebt Silke: in rothaarigen liebhabern sucht sie ihre familie, und der verlag weiss, wie man leserinnen fängt:

  • identitätsroman
  • ddr ohne ostalgie
  • für Saša-Stanišic-leser

ich komme ins grübeln: Crausslyrik – für Konstantin-Ames-leser? oder doch besser: für Jan-Wagner-ermattete? was die roten haare angeht, halt ich es jedenfalls mit Heine:

am alten turme/ der rote bursche/ dem dichter wild sang:/ bleib bei mir, ich küss dich/

 

*nicht gemeint ist hier gemeine spam!

fonky silence siegen

fonky silence siegenzufall oder bedeutung, dass ich mir zur neuen lektüre über die stadt, die stets als grau und trostlos verschrien wird und deren bewohnern es seit je an selbstbewusstsein mangelt, aus meiner lesezeichensammlung ausgerechnet fonky silence herausgreife? 1963/64, als stadt auf eisernem grund erschien, war die stimmung jedenfalls noch positiv und auch der öpnv, über den ich persönlich mich in siegen mit am meisten ärgere, wurde gelobt: „drei omnibusbahnsteige bilden den bahnhof für den vorzüglich [!] ausgebauten nahverkehr, der siegen mit seiner näheren und weiteren umgebung verbindet.“

über die verkehrsbetriebe und die spezies busfahrer werde ich mich sicher an anderer stelle weiter ärgern, lasse mich aber zunächst gern unvoreingenommen auf einen rundgang durch die stadt mitnehmen, aus der berühmte leute wie der kartograph Tilmann Stella stammen oder Wieland, der ganz in der nähe schwerter und pokale für den zauberer Merlin schmiedete. immerhin!*

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Crauss liest …

abwärtsABWÄRTS #9. zweiter jahrgang der zeitschrift im basisdruck verlag, juli 2015

Jan Kuhlbrodt schreibt in „die neue lyrik“ über das „einhäkeln von bäumen und fahrbahnbegrenzungen, das in den letzten jahren in mode gekommen ist. die ästhetik der berliner republik also, die sich mehr und mehr in vermeintlichen oder wirklichen belanglosigkeiten gefällt.“

daneben gibts einen spannenden essay von Florian Neuner und unterwegs-miniaturen von Ronald Galenza.