schonungsloses zögern

die leipziger messe ist nun schon wieder einige tage vorüber, ja ja, sie war ein ereignis, auch diesmal. aber es gab eindeutig zuviele bücher. eine wohltat, dass es in der lyrikbuchhandlung – einem der tausend veranstaltungsorte – ausschliesslich gedichte zu hören, stöbern und kaufen gab. auf Safiye Cans neuens buch kinder der verlorenen gesellschaft freue ich mich noch – die autorin hat vollkommen zurecht den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis sowie den AMF-Preis für aufrechte Literatur 2016 bekommen und bereits 2014 mit ihrem debut rose & nachtigall einen der besten lyrikbände mit liebesgedichten der letzten zehn jahre präsentiert – mittlerweile in der fünften (!) auflage.

Niklas Bardelidie ganz unerwarteten lieblinge aus leipzig hatte ich aber bereits kurz nach der heimkehr verschlungen. mit vergnügen und erstaunen. Niklas Bardeli las ende märz in der lyrikbuchhandlung in lindenau (leipzig) und hinterliess einen eindruck, den zuletzt Mathias Traxler 2011 erzeugt hatte: „die lesung hiess lyrik an salatdressing oder so ähnlich, meine schlimmsten befürchtungen wurden erfüllt, geradezu verliebt machte mich aber Traxler mit seiner performance, einem applaus auf die unsicherheit, wie er es nennt. der autor hatte einen stapel nichteigener bücher auf dem lesetisch, pickte sich hin und wieder eine sentenz aus diesen büchern heraus und fügte sie den eigenen, spartanischen texten zu, stand da, drehte sich, ging ein paar schritt ins dunkle und verwischte die übergänge zwischen lesung, moderation und tanz. grossartig, gerade wegen der eleganz, die das hatte – und viel zu kurz; ein jammer. ein jammer auch, dass sich so etwas nicht schriftlich wiedergeben lässt, gleichwohl Traxlers buch you’re welcome in ähnlicher weise mit pausen arbeitet, auslassungen, mit Novalis’schem blüthenstaub.“ (zitiert aus SCHÖNHEIT)
Bardelis performance war schlichter, und doch ebenso intensiv: worte, zögern, pausen, pausen, ausstreichen und vorwärts hasten. leider sind die aktuellen hybride – gedichte in blocksatz – noch garnicht erschienen, Bardeli ist ein langsamer schreiber offenbar, und vorsichtiger veröffentlicher. immerhin hatte der hochroth verlag aber den vorherigen band illustrationen parat: „schonungslos erbarmten sich meiner vier männer, von beruf stellmeister, die ihre arbeit verstanden, als hätten sie nie etwas anderes getan …“ das gilt für die weichner wie es für den dichter gilt!

loner4everein anderes schätzchen wäre im normalen buchchaos der messe nicht absichtlich aufzustöbern gewesen, und auch das link-verfolgen im netz wird einem nicht sehr leicht gemacht: loner4ever wollte gefunden werden – und das passt auch sehr gut zu den überaus witzigen poemen, die man im gleichnamigen blog nachlesen kann. der kanadische graphiker Vincent Hulme hatte seine „collection of failed attemps at wooing his/her heart“ im berliner pogo books verlag unter dem motto „one canadian / too many beers later“ drucken lassen, bei der präsentation der design-heftchen in der hochschule für grafik und buchkunst lag es dann etwas unscheinbar herum:
„meet girl thru friend / talk to her all night / ask for her number // gives me one / then tells me to delete it / and to take this other one instead // think its fake / never call her // two weeks later / friend asks me / yo, why didnt you call her …“ – „meet girl at a naked party // don’t have a piece of paper …“ undsoweiter. very komisch, absurd und wahr.

Schittko ein ganz normales bucheigentlich hatte ich mir auch noch eine besprechung von Clemens Schittkos letzten beiden büchern vorgenommen, das „rasseln mit der assoziationskette“, wie es im deutschlandradio hiess, wurde mir dann aber trotz Binkmann-beat in manchen texten schnell langweilig: zu sagen „dieses gedicht ist ein gedicht, / weil ich es sage“,ist zwar eine haltung, die mir taugt, trotzdem sind untereinandergeschriebene einfälle noch kein gedicht. wieviel Schittko erträgt Schittko eigentlich? habe ich mich bei der lektüre von ein ganz normales buch gefragt. „ich kann es nicht mehr hören / ich kann es nicht mehr sehen / es kotzt mich nur noch an / und dann dieses geplapper / dieses gelaber“ heisst es in der fünf seiten langen suada dumm.
„ich provoziere / ich provoziere …“ schreit der autor. und ich ermüde! aber gerade das ist es: mein fehler. nicht Schittkos. und zwar: den versuch unternommen zu haben, den band als ganz normales buch in einem rutsch zu lesen. es kommt halt auf die dosis an, glaube ich. lieber einzelne langläufer als ein pulk demonstrierender schleicher. Clemens Schittko schreibt grossartige – und dann auch mehr politisch einwirkende (nicht politische) texte -, wenn er monoton schreibt und nicht zu viele wendungen versucht. beispielsweise im nsa-stück vom 04.10.2013, das im ritter-buch weiter im text erschien und in dem übrigens neben vielen vielen anderen die oben bejubelte Safye Can wieder vorkommt:Schittko & Amazon, weiter im text
„Safye Can gefällt Dincer Gücyeters link. / Safye Can hat buchmesse RUHR – RUHR Kitap Fuans foto geteilt …“ so gehts 21 seiten lang weiter, und ist trotzdem weniger unaushaltbar als die jammer-poesie im normalen buch. wo Schittko listen schreibt, lange listen, gelingt es ihm, an die sollbruchstelle der gesellschaft heranzukommen. egal, wie sehr er behauptet, dies nicht zu wollen.

Dorothy Parker: Ohne einen Groschen

natürlich, wenn ich ohne einen groschen bin, finde ich es superb. ich denke, dass die kunst eines landes auf unermessliche weise zu dessen prestige beiträgt; will man also, dass das land schriftsteller und künstler hervorbringt (personen, die in unserem land unsicher leben), muss der staat helfen.
die künstler sind teil ihres landes, und ihr land sollte das anerkennen, so dass sowohl es als auch die künstler auf ihre bemühungen stolz sein können. das mein ich wirklich so, liebes.

Dorothy Parker im interview mit paris review 1956;
die paris review interviews – 01; london, berlin: edition weltkiosk 2016

IN GUTER NACHBARSCHAFT: jungsgedichte und herrenprosa

die lesereihe in guter nachbarschaft bringt seit 2014 etablierte autoren, literarische talente und musiker in jena, erfurt und weimar zusammen. mit der kombination aus lesung, konzert und offenem mikrofon ist die reihe fester bestandteil der thüringer literaturszene.

Crauss (c) marvellous

am 05.11.2016 ist Crauss ab 19:00 uhr im erfurter klubcafé Franz Mehlhose zu gast
, um jungsgedichte und herrenprosa zu präsentieren. musikalisch wird der abend begleitet vom beeindruckenden sound aus folk und experimentellem elekro des erfurters littlemanlost. und wie immer steht autorentalenten für jeweils sieben minuten das offene mikrophon zur verfügung.

sweet n’dr’thƏ

A/O
kumm, sweet n’dr’thƏ

łah aihl- łah, aihl- lł-väh
th-aihl łah łah, ah ahil łah łah: th-héhé
n’dr’thƏ (räh rhøø – hH Hh hH Hh h)

es liess mich einfach nicht ruhen. ich hatte immernoch den klang dieses gedichts im ohr, diese fremde und doch so vertraute sprache. A/O, das junge talent von anfang und ende, würde einmal eine grossartige performerin werden. meine liebe freiundin, FrauProfessor, hatte mir ein video der klangkünstlerin geschickt – also übersetzte ich, damit es erhalten bliebe „kumm, sweet n’dr’thƏ“
wie wunderbar da im zweiten vers mit wiederholungen des ersten gearbeitet wird! ohne abzuflachen, im gegenteil: die wendung zum „th’héhé“ am ende des verses signalisiert die vollständige beherrschung formalen geschicks.

KRÖHNKE KOMMT !

24. April 2016, 15.00 Uhr
Zurück vom Mondgebirge: Ende der Fuchsjagd
Friedrich Kröhnke anlässlich seines 60. Geburtstags

vorgestellt von Crauss (Gemeinsame Lesung)
ZKF, Zentrum für Friedenskultur, Kölner Str. 11, 57072 Siegen

Friedrich Kröhnke (c) Crauss.Friedrich Kröhnke, 1956 geboren, gilt als feinsinniger Stilist. Seine Romane schwingen lange im Leser nach, stets beschreibt der Autor auch sein eigenes Leben, vor allem aber erzählt er Geschichten von der Liebe, von der Unrast des Neurotikers und vom Reisen, ohne wirklich anzukommen: einmal um die Welt und darüber hinaus.

In Kröhnkes Miniaturen und frühen Romanen geht es ums Erwachsenwerden, die erste sinnliche Begegnung mit Büchern, um die geröteten Wangen beim Verschlingen von allem, was man als Jugendlicher in die Hände kriegen kann. Es sind diese ersten Bücher, die eine unbestimmte Sehnsucht nach Ferne und nach großen Gefühlen wie in alten Filmen erzeugen. Und es ist der ältere Herr auf der Domplatte oder in der U-Bahn, der dem Füchschen zeigt, was es so gibt. Freilich, dieser Herr bleibt allzu oft allein zurück, enttäuscht, ein gealterter Stromer, dessen einzige Chance zu überleben jene ist, sich bald wieder auf den Weg zu machen mit einem neuen, jungen Gefährten.

Zwei Buchtipps, nämlich zur Diebsgeschichte und zum Ratten-Roman gibts hier

Crauss liest …

Carter Brown… Crater Browns heisse höschen – kaltes blut: Danny Boyds besucherin war hochmodern gekleidet, aber sie kam mit einem uralten anliegen: sie wollte endlich heiraten! zwei ihrer verlobten waren eines rätselhaften todes gestorben, nun soll Danny als dritter angeheuert werden. für 5.000 dollar und vier vorverlegte flitterwochen. der privatdetektiv vertauscht die palmenstrände hawaiis mit sydneys wolkenkratzern – um zu erfahren, dass es aus dieser hochzeitsnacht kein erwachen gibt!

geröteten angesichts tauchte Sonia aus dem sitzkissen auf und strahlte mich an. „ich freue mich so für dich, Danny! und jetzt kann ich endlich diesen scheusslichen alten bikini wegschmeissen. wir brauchen ihn nicht mehr.“

Crauss liest …

Thoreau… H.D. Thoreau: ziviler ungehorsam. hamburg: reclam 2013

 

„die amerikanische regierung: was ist sie anderes als eine tradition – eine recht junge erst, doch immerhin -, die sich unbedingt ohne machteinbusze der nachwelt überliefern will, dabei aber jeden augenblick ein stück ihrer glaubwürdigkeit verliert? […] regierungen zeigen uns also, wie erfolgreich die menschen zu betrügen sind, ja, wie sie sich selbst betrügen […] wenn ein sechstel der bevölkerung einer nation, die ein zufluchtsort der freiheit sein will, sklaven sind, und wenn eine fremde armee widerrechtlich ein ganzes land überrennt, erobert und der kriegsjustiz unterwirft, dann, denke ich, wird es höchste zeit, dass ehrliche leute rebellieren und revoltieren.“

Crauss liest …

Marie Luise Kaschnitz: das haus der kindheit. (rowohlt 1962, claassen 1956)

zauber und qual der kindheit werden in diesem buch beschworen und gegenwärtig. die autorin führt uns in ein unwirkliches museum, widerstrebend fast betritt sie es. mit geheimnisvollen apparaturen werden bilder, erscheinungen und empfindungen scheinbar zusammenhanglos zurückgerufen. der geheime sinn bleibt mosaik, die vergangenheit hat zukunft, den leser des berichts gruselt es.
Kaschnitz: haus der kindheit
„der gedanke, auch nur einen tag lang ganz ohne pause den quälereien des museums ausgesetzt zu sein, ist mir entsetzlich. zunächst würde mich, da ich alle beziehungen vorübergehend abgebrochen habe, niemand dort suchen, später aber wären, selbst für die polizei, meine spuren völlig verwischt.
manchmal kommt mir das haus der kindheit vor wie ein bergwerk, in dem ich immer tiefer hinabsteige, dem herzen der erde zu. im schosze der erde gibt es schaurige höhlen und ausweglose stollen, in denen schlagende wetter drohen, aber es gibt auch gold- und silberadern, edelsteine und halbedelsteine. der heutige „edelstein“: ein lichtes blattgeflimmer, dazu faulbaumblütengeruch und ein ferner unzählbarer kuckucksruf wären eine reine freude gewesen, hätte sich nicht, wohl als folge des bereits durchgenommenen erfahrungspensums, das schmerzliche gefühl einer schon verlorenen heimat dazu eingestellt.“