Dorothy Parker: Ohne einen Groschen

natürlich, wenn ich ohne einen groschen bin, finde ich es superb. ich denke, dass die kunst eines landes auf unermessliche weise zu dessen prestige beiträgt; will man also, dass das land schriftsteller und künstler hervorbringt (personen, die in unserem land unsicher leben), muss der staat helfen.
die künstler sind teil ihres landes, und ihr land sollte das anerkennen, so dass sowohl es als auch die künstler auf ihre bemühungen stolz sein können. das mein ich wirklich so, liebes.

Dorothy Parker im interview mit paris review 1956;
die paris review interviews – 01; london, berlin: edition weltkiosk 2016

IN GUTER NACHBARSCHAFT: jungsgedichte und herrenprosa

die lesereihe in guter nachbarschaft bringt seit 2014 etablierte autoren, literarische talente und musiker in jena, erfurt und weimar zusammen. mit der kombination aus lesung, konzert und offenem mikrofon ist die reihe fester bestandteil der thüringer literaturszene.

Crauss (c) marvellous

am 05.11.2016 ist Crauss ab 19:00 uhr im erfurter klubcafé Franz Mehlhose zu gast
, um jungsgedichte und herrenprosa zu präsentieren. musikalisch wird der abend begleitet vom beeindruckenden sound aus folk und experimentellem elekro des erfurters littlemanlost. und wie immer steht autorentalenten für jeweils sieben minuten das offene mikrophon zur verfügung.

sweet n’dr’thƏ

A/O
kumm, sweet n’dr’thƏ

łah aihl- łah, aihl- lł-väh
th-aihl łah łah, ah ahil łah łah: th-héhé
n’dr’thƏ (räh rhøø – hH Hh hH Hh h)

es liess mich einfach nicht ruhen. ich hatte immernoch den klang dieses gedichts im ohr, diese fremde und doch so vertraute sprache. A/O, das junge talent von anfang und ende, würde einmal eine grossartige performerin werden. meine liebe freiundin, FrauProfessor, hatte mir ein video der klangkünstlerin geschickt – also übersetzte ich, damit es erhalten bliebe „kumm, sweet n’dr’thƏ“
wie wunderbar da im zweiten vers mit wiederholungen des ersten gearbeitet wird! ohne abzuflachen, im gegenteil: die wendung zum „th’héhé“ am ende des verses signalisiert die vollständige beherrschung formalen geschicks.

KRÖHNKE KOMMT !

24. April 2016, 15.00 Uhr
Zurück vom Mondgebirge: Ende der Fuchsjagd
Friedrich Kröhnke anlässlich seines 60. Geburtstags

vorgestellt von Crauss (Gemeinsame Lesung)
ZKF, Zentrum für Friedenskultur, Kölner Str. 11, 57072 Siegen

Friedrich Kröhnke (c) Crauss.Friedrich Kröhnke, 1956 geboren, gilt als feinsinniger Stilist. Seine Romane schwingen lange im Leser nach, stets beschreibt der Autor auch sein eigenes Leben, vor allem aber erzählt er Geschichten von der Liebe, von der Unrast des Neurotikers und vom Reisen, ohne wirklich anzukommen: einmal um die Welt und darüber hinaus.

In Kröhnkes Miniaturen und frühen Romanen geht es ums Erwachsenwerden, die erste sinnliche Begegnung mit Büchern, um die geröteten Wangen beim Verschlingen von allem, was man als Jugendlicher in die Hände kriegen kann. Es sind diese ersten Bücher, die eine unbestimmte Sehnsucht nach Ferne und nach großen Gefühlen wie in alten Filmen erzeugen. Und es ist der ältere Herr auf der Domplatte oder in der U-Bahn, der dem Füchschen zeigt, was es so gibt. Freilich, dieser Herr bleibt allzu oft allein zurück, enttäuscht, ein gealterter Stromer, dessen einzige Chance zu überleben jene ist, sich bald wieder auf den Weg zu machen mit einem neuen, jungen Gefährten.

Zwei Buchtipps, nämlich zur Diebsgeschichte und zum Ratten-Roman gibts hier

Crauss liest …

Carter Brown… Crater Browns heisse höschen – kaltes blut: Danny Boyds besucherin war hochmodern gekleidet, aber sie kam mit einem uralten anliegen: sie wollte endlich heiraten! zwei ihrer verlobten waren eines rätselhaften todes gestorben, nun soll Danny als dritter angeheuert werden. für 5.000 dollar und vier vorverlegte flitterwochen. der privatdetektiv vertauscht die palmenstrände hawaiis mit sydneys wolkenkratzern – um zu erfahren, dass es aus dieser hochzeitsnacht kein erwachen gibt!

geröteten angesichts tauchte Sonia aus dem sitzkissen auf und strahlte mich an. „ich freue mich so für dich, Danny! und jetzt kann ich endlich diesen scheusslichen alten bikini wegschmeissen. wir brauchen ihn nicht mehr.“

Crauss liest …

Thoreau… H.D. Thoreau: ziviler ungehorsam. hamburg: reclam 2013

 

„die amerikanische regierung: was ist sie anderes als eine tradition – eine recht junge erst, doch immerhin -, die sich unbedingt ohne machteinbusze der nachwelt überliefern will, dabei aber jeden augenblick ein stück ihrer glaubwürdigkeit verliert? […] regierungen zeigen uns also, wie erfolgreich die menschen zu betrügen sind, ja, wie sie sich selbst betrügen […] wenn ein sechstel der bevölkerung einer nation, die ein zufluchtsort der freiheit sein will, sklaven sind, und wenn eine fremde armee widerrechtlich ein ganzes land überrennt, erobert und der kriegsjustiz unterwirft, dann, denke ich, wird es höchste zeit, dass ehrliche leute rebellieren und revoltieren.“

Crauss liest …

Marie Luise Kaschnitz: das haus der kindheit. (rowohlt 1962, claassen 1956)

zauber und qual der kindheit werden in diesem buch beschworen und gegenwärtig. die autorin führt uns in ein unwirkliches museum, widerstrebend fast betritt sie es. mit geheimnisvollen apparaturen werden bilder, erscheinungen und empfindungen scheinbar zusammenhanglos zurückgerufen. der geheime sinn bleibt mosaik, die vergangenheit hat zukunft, den leser des berichts gruselt es.
Kaschnitz: haus der kindheit
„der gedanke, auch nur einen tag lang ganz ohne pause den quälereien des museums ausgesetzt zu sein, ist mir entsetzlich. zunächst würde mich, da ich alle beziehungen vorübergehend abgebrochen habe, niemand dort suchen, später aber wären, selbst für die polizei, meine spuren völlig verwischt.
manchmal kommt mir das haus der kindheit vor wie ein bergwerk, in dem ich immer tiefer hinabsteige, dem herzen der erde zu. im schosze der erde gibt es schaurige höhlen und ausweglose stollen, in denen schlagende wetter drohen, aber es gibt auch gold- und silberadern, edelsteine und halbedelsteine. der heutige „edelstein“: ein lichtes blattgeflimmer, dazu faulbaumblütengeruch und ein ferner unzählbarer kuckucksruf wären eine reine freude gewesen, hätte sich nicht, wohl als folge des bereits durchgenommenen erfahrungspensums, das schmerzliche gefühl einer schon verlorenen heimat dazu eingestellt.“

1947
GROUND CONTROL TO MAJOR TOM
YOUR CIRCUIT’S DEAD, THERE’S SOMETHING WRONG
2016

monatelang gabst du dich der illusion hin, es könne ein ganz normaler cola-trinker, frittenfresser, teenager eben aus dir werden: naiv genug, zu glauben, die komplimente, die dir die „weiber“ auf den ersten partys machten (zu recht, wie du fandst, sahst du doch mit einem rosa seidentuch deiner schwester um den hals und etwas schmiere in den haaren unwirklich gut aus, wie David Bowie: „super, mann – momentchen mal – unter den augen fehlt noch ein strich kajal …“), bedeuteten, du seist, androgyn, wie du offensichtlich warst, wie es aber doch bloss phänotypisch modisch war, als mensch unter menschen akzeptiert, genauso anonym, wie die Andrea und der Günther – und ohne dir einzugestehen, dass du viel zu eitel warst, um von denen nicht abstechen zu wollen.

Florian König in Joachim Helfers du idiot!