Crauss liest …

Schneider in der parasitenpresseBastian Schneider: Irgendwo, jemand.

Die Kölner Parasitenpresse veröffentlicht seit 17 Jahren deutschsprachige Lyrik als altpapiergeheftete Bücher und Lyrik-Taschenbücher aus BeNeLux und Südamerika.
Einer der konzentriertesten Bände ist der vor kurzem erschienene Doppelzyklus Irgendwo, jemand des in Siegen geborenen Bastian Schneider. Die Gedichte nähern sich dem großen Thema dieser Zeit: Flucht und Migration, und wie wir uns dazu verhalten, wie wir darüber reden und was wir unterlassen zu tun. Die Texte sind der Versuch, eine Sprache zu finden angesichts einer globalen Herausforderung, der man bisher nur unzureichend gerecht geworden ist.

An einer Hauswand steht // Zugvögel raus / irgendwo sind Menschen auf der Fahrbahn / das Mittelmeer ist eines der kleinsten Weltmeere / jemand spricht von sicheren Staaten / Menschen und Zugvögel kann man verwechseln, manchmal (…)

Bastian Schneider: Irgendwo, jemand. Gedichte, 14 S., 6,- € (Lyrikreihe Bd. 38)

 

Populäres Gedicht Nr. 17

Mr. Amerika
geh doch endlich wieder weg
du bist wirklich nur noch
der letzte Schrott
in deinem
feuerfesten Maßanzug aus
Super-super-kryptonit-Stoff

auch wenn du dich in deinem
eigenen Kopf ab und zu so
einsam fühlst
wie ein verloren-
gegangenes Popkorn […]

[…] während du nichts anderes
von dir gibst als ein millio-
nenfach gesteigertes
POW
WOW
da bin
ich
und
erlöse euch
alle
im 
Namen
des
großen
amerikanischen
Hau.

Rolf Dieter Brinkmann in: Die Piloten. Gedichte, 1968

Crauss liest … Harry Martinson: REISE OHNE ZIEL

reise ohne zieldie moderne kommunikationstechnik wird uns kontinuierlich in eine planetarische schule für einen neuen, lebendigen und fruchtbaren nomadismus führen. die eng miteinander kommunizierenden weltvölker und rassen der zukunft werden einmal, mit einem gewissen respekt vor der dickleibigkeit, ehrlich über den untergangskatalog lachen und über die kulturen, die sich nicht aufzulösen (und unterzugehen) wagten.

Harry Martinson: reise ohne ziel (1932/33). aus dem schwedischen von Verner Arpe und Klaus-Jürgen Liedtke. mit einem nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke neu herausgegeben. berlin: guggolz verlag 2017

schonungsloses zögern

die leipziger messe ist nun schon wieder einige tage vorüber, ja ja, sie war ein ereignis, auch diesmal. aber es gab eindeutig zuviele bücher. eine wohltat, dass es in der lyrikbuchhandlung – einem der tausend veranstaltungsorte – ausschliesslich gedichte zu hören, stöbern und kaufen gab. auf Safiye Cans neuens buch kinder der verlorenen gesellschaft freue ich mich noch – die autorin hat vollkommen zurecht den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis sowie den AMF-Preis für aufrechte Literatur 2016 bekommen und bereits 2014 mit ihrem debut rose & nachtigall einen der besten lyrikbände mit liebesgedichten der letzten zehn jahre präsentiert – mittlerweile in der fünften (!) auflage.

Niklas Bardelidie ganz unerwarteten lieblinge aus leipzig hatte ich aber bereits kurz nach der heimkehr verschlungen. mit vergnügen und erstaunen. Niklas Bardeli las ende märz in der lyrikbuchhandlung in lindenau (leipzig) und hinterliess einen eindruck, den zuletzt Mathias Traxler 2011 erzeugt hatte: „die lesung hiess lyrik an salatdressing oder so ähnlich, meine schlimmsten befürchtungen wurden erfüllt, geradezu verliebt machte mich aber Traxler mit seiner performance, einem applaus auf die unsicherheit, wie er es nennt. der autor hatte einen stapel nichteigener bücher auf dem lesetisch, pickte sich hin und wieder eine sentenz aus diesen büchern heraus und fügte sie den eigenen, spartanischen texten zu, stand da, drehte sich, ging ein paar schritt ins dunkle und verwischte die übergänge zwischen lesung, moderation und tanz. grossartig, gerade wegen der eleganz, die das hatte – und viel zu kurz; ein jammer. ein jammer auch, dass sich so etwas nicht schriftlich wiedergeben lässt, gleichwohl Traxlers buch you’re welcome in ähnlicher weise mit pausen arbeitet, auslassungen, mit Novalis’schem blüthenstaub.“ (zitiert aus SCHÖNHEIT)
Bardelis performance war schlichter, und doch ebenso intensiv: worte, zögern, pausen, pausen, ausstreichen und vorwärts hasten. leider sind die aktuellen hybride – gedichte in blocksatz – noch garnicht erschienen, Bardeli ist ein langsamer schreiber offenbar, und vorsichtiger veröffentlicher. immerhin hatte der hochroth verlag aber den vorherigen band illustrationen parat: „schonungslos erbarmten sich meiner vier männer, von beruf stellmeister, die ihre arbeit verstanden, als hätten sie nie etwas anderes getan …“ das gilt für die weichner wie es für den dichter gilt!

loner4everein anderes schätzchen wäre im normalen buchchaos der messe nicht absichtlich aufzustöbern gewesen, und auch das link-verfolgen im netz wird einem nicht sehr leicht gemacht: loner4ever wollte gefunden werden – und das passt auch sehr gut zu den überaus witzigen poemen, die man im gleichnamigen blog nachlesen kann. der kanadische graphiker Vincent Hulme hatte seine „collection of failed attemps at wooing his/her heart“ im berliner pogo books verlag unter dem motto „one canadian / too many beers later“ drucken lassen, bei der präsentation der design-heftchen in der hochschule für grafik und buchkunst lag es dann etwas unscheinbar herum:
„meet girl thru friend / talk to her all night / ask for her number // gives me one / then tells me to delete it / and to take this other one instead // think its fake / never call her // two weeks later / friend asks me / yo, why didnt you call her …“ – „meet girl at a naked party // don’t have a piece of paper …“ undsoweiter. very komisch, absurd und wahr.

Schittko ein ganz normales bucheigentlich hatte ich mir auch noch eine besprechung von Clemens Schittkos letzten beiden büchern vorgenommen, das „rasseln mit der assoziationskette“, wie es im deutschlandradio hiess, wurde mir dann aber trotz Binkmann-beat in manchen texten schnell langweilig: zu sagen „dieses gedicht ist ein gedicht, / weil ich es sage“,ist zwar eine haltung, die mir taugt, trotzdem sind untereinandergeschriebene einfälle noch kein gedicht. wieviel Schittko erträgt Schittko eigentlich? habe ich mich bei der lektüre von ein ganz normales buch gefragt. „ich kann es nicht mehr hören / ich kann es nicht mehr sehen / es kotzt mich nur noch an / und dann dieses geplapper / dieses gelaber“ heisst es in der fünf seiten langen suada dumm.
„ich provoziere / ich provoziere …“ schreit der autor. und ich ermüde! aber gerade das ist es: mein fehler. nicht Schittkos. und zwar: den versuch unternommen zu haben, den band als ganz normales buch in einem rutsch zu lesen. es kommt halt auf die dosis an, glaube ich. lieber einzelne langläufer als ein pulk demonstrierender schleicher. Clemens Schittko schreibt grossartige – und dann auch mehr politisch einwirkende (nicht politische) texte -, wenn er monoton schreibt und nicht zu viele wendungen versucht. beispielsweise im nsa-stück vom 04.10.2013, das im ritter-buch weiter im text erschien und in dem übrigens neben vielen vielen anderen die oben bejubelte Safye Can wieder vorkommt:Schittko & Amazon, weiter im text
„Safye Can gefällt Dincer Gücyeters link. / Safye Can hat buchmesse RUHR – RUHR Kitap Fuans foto geteilt …“ so gehts 21 seiten lang weiter, und ist trotzdem weniger unaushaltbar als die jammer-poesie im normalen buch. wo Schittko listen schreibt, lange listen, gelingt es ihm, an die sollbruchstelle der gesellschaft heranzukommen. egal, wie sehr er behauptet, dies nicht zu wollen.

Dorothy Parker: Ohne einen Groschen

natürlich, wenn ich ohne einen groschen bin, finde ich es superb. ich denke, dass die kunst eines landes auf unermessliche weise zu dessen prestige beiträgt; will man also, dass das land schriftsteller und künstler hervorbringt (personen, die in unserem land unsicher leben), muss der staat helfen.
die künstler sind teil ihres landes, und ihr land sollte das anerkennen, so dass sowohl es als auch die künstler auf ihre bemühungen stolz sein können. das mein ich wirklich so, liebes.

Dorothy Parker im interview mit paris review 1956;
die paris review interviews – 01; london, berlin: edition weltkiosk 2016