November 20 2017

PERFORMANCE, schnarrende

„glücklicherweise war das gedränge von herren und damen so gross, dass ich unbemerkt in einem winkel mit Rückert bald aus herzensgrunde fluchen, bald lachen konnte. für Rückert war es übrigens etwas schwieriger, in solcher weise seinen gefühlen luft zu machen, alldieweil er die ganze gesellschaft um eines hauptes länge überrragte. Goethes Erlkönig wurde vom kaufmanne selbst mit einer schnarrenden, eintönigen viertel-baszstimme rezitiert in einem rhythmus, der ungefähr dem ähnelte, was Haeffner einen trippeltakt nennt, so dass er, kurz gesagt, 50 stockprügel verdient hätte. auch ein stück Rückerts, eine art preis- oder wettgesang (sogenanntes tenzone) zwischen ihm und seinem freunde Uhland, wurde von den beiden ehrbaren reimerhäuptlingen Castelli und Deinhardstein mit einem so verkehrten pathos vorgelesen, dass Rückert darob in raserei geriet, obgleich das ganze nur geschah, um ihm, der jetzt in deutschland ein grosses ansehen geniesst, ein kompliment zu machen.

Per Daniel Atterbom, breslau, den 5. februar 1819

September 14 2017

SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 9-11 (kontrolle und gleichgewicht)

9
Thomas Kling schreibt in botenstoffe: „gute gedichte sind immer produkte des kontrollierten aussersichseins, nicht von innerlicher schlafwandelei“; das gedicht/ der gedanke „fliesst“ also nicht aus mir heraus, ich steuere ihn!

10
und doch: „die wörter wissen mehr von uns als wir von ihnen“ (René Char)

11
Durs Grünbein in einer poetikvorlesung: „in der poesie kommt es, wie auf die variablen in mathematischen gleichungen, auf das einzelne wort an. alles kommt darauf an, das wort an der richtigen stelle im vers anklingen zu lassen, nicht zu früh, nicht zu spät.“
verändere ich eine variable/ ein wort, hat das also auswirkungen auf die ganze gleichung/ den ganzen text!

September 14 2017

SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 7-8

7
redewendungen und idiome bieten schöne charakterisierungsmöglichkeiten in gedichten oder short stories. John Creely: „ich denke an William Carlos Williams’ antwort, die er einem britischen professor gab, als der ihn nach einer lesung fragte, woher er seine sprache habe: ‚aus dem mund polnischer mütter’ – womit er nicht polnisch meinte, sondern das herbe, krude, gehemmte, schlechte englisch’ der immigrantenfrauen.“

8
achten Sie nicht auf diejenigen, die eine perfekte ( = leblose) sprache haben, sondern hören Sie das poetische heraus bei menschen, die sich in einer sprache behelfen müssen. dazu kann ein legastheniker gehören, der renntner mit zwei n schreibt: das kommt dann vielleicht von der eile, pensionierte haben ja angeblich nie genügend zeit … hören Sie auf türkendeutsch (nicht das tv-klischee dieses akzents!), achten Sie auf wortverbindungen, die es eigentlich nicht und dank der immigrantensprache doch gibt.

Juli 9 2017

SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 4-6

4
die „not zu schreiben“ (Uwe Kolbe) und die „lust am text“ (Roland Barthes) soll auf leserseite gleichermaszen spürbar sein, damit sich beim lesen die reize hinter/ zwischen den bedeutungen: klänge, metrische spiele, brüche, bedeutungsdopplungen, notwendige ungeschlachtheit (das gedicht als wunde), überhaupt stilistische rafinessen, geniessen lassen.

5
Hubert Fichte macht sich gedanken über „gedicht oder reklamespruch: es könnte doch ein mann kommen und sagen: was da als gedicht steht ist ja sehr schön. aber in meiner PR-abteilung habe ich genauso gute köpfe, und wenn wir eine neue kampagne machen, machen wir doch genau so etwas wie es dort als gedicht steht. wieso ist das vom Höllerer ein gedicht und die arbeit unseres werbetexters (zb für die grünen, beton brennt) weniger dichtung?“ 

6
„nicht deshalb ist etwas ein gedicht“, schreibt Walter Höllerer, „weil es von jemand bestimmtem stammt, dem man zutraut, dass er gedichte schreiben kann, weil er schon andere gedichte geschrieben hat. ich meine auch: beton brennt, ganz gleich, wer es erfunden hat, kann ein gedicht sein, wenn es den vorgang, der zusammenhang, in dem es steht, den vorgang der sensibilisierung nicht nur in richtung einer einzigen funktion [wie bei der werbung] hat, sondern in eine allgemeinere, breitere richtung.“

Juni 26 2017

SCHÖNER SCHREIBEN … im gedicht, 1-3

1
Peter Geist findet negative beurteilungskriterien, wenn es um gedichte geht: klischeereiches ( = unauthentisches) zeitgeistgeshn, pseudopoetische bebilderung von thesen, stilposen und die soundsovielte imitation eines traklgedichtes.

2, die unschärfe loben:

überraschendes, fesselndes entsteht durch das herausreissen der dinge aus ihren geläufigen zusammenhängen, sagt Walter Benjamin; durch eine bewusst gewordene/ gezielt herbeigeführte unschärfe im welterleben (eine sehschwäche, das verlesen, missverständnise), so Jan Wagner entsteht eine präzision der vorstellungskraft, durch die selbstverständlichkeiten neu entdeckt werden.
das gehirn verknüpft/ assoziiert bei einem „denk“fehler zwar falsch, aber doch naheliegend.

3
was ich von einem gelungenen gedicht erwarte? dass es mich überrascht, fesselt, befremdet, dass es mich entdecken lässt: so, genau so etwas noch überhaupt nicht gesehen/ erfahren/ bedacht zu haben. dass sich die unbedingtheit des sprechens überträgt. das konzentrierte gegeneinander der worte, ihre berührung, umschlingung, ihr abstossen voneinander.

Juni 14 2017

SCHÖNER SCHREIBEN, authentizität und geschmacksurteil

die echtheit, also authentizität eines textes kann sich durch geringe phrasenhaftigkeit, durch geringe verwendung hochgestochener sprache ausdrücken. hier steht authentizität für einfachkeit. echtheit liegt etwa auch im widerstand gegen einen gewissen zeitgeist.

das geschmacksurteil ist kein rein subjektives, das im belieben des einzelnen steht, vielmehr gibt es objektive, also im objekt liegende kriterien, die das ästhetische urteil aus der rein subjektiven sphäre herausheben, sagt Kant. diese kriterien führen zu einer vergleichbarkeit mit anderen werken.

in der kunst wird nicht der gute wille zum ausdruck gebracht, sondern ein stück menschlicher innenwelt mit allen facetten.

Juni 4 2017

SCHÖNER SCHREIBEN, originalität

originalität/ grenzüberschreitung ist nicht zu verwechseln mit dem „originellen“ als interessantheits-kriterium. ein werk soll ausser welthaltig zu sein der realität etwas neues, eigenes hinzufügen.

zeichen der originalität kann zb. etwas spezielles innerhalb einer figur sein. deutliche beispiele nicht-originaler, sondern eher schablonenhafter charaktere finden sich in groschenheften.

man erwartet von der kunst, dass sie dem bekannten etwas bislang ungestaltetes, etwas neues abtrotzt. gute literatur darf sich nicht in wiederholung erschöpfen, selbst leser, die nur auf unterhaltung aus sind, erwarten von einem buch etwas neues. das unbekannte kann gleich neben dem bereits geformten lauern.

Juni 4 2017

SCHÖNER SCHREIBEN, interessantheit

würden wir bei einem gereimten gedicht das jeweils nächste wort mit sicherheit voraussagen können, wäre das gedicht langweilig. ohne den aufbau einer erwartungsspannung würden wir nicht weiterlesen.

das wertkriterium verlangt, dass literatur nicht langweilig, sondern originell sei. das kann bei gedichten eine sprachliche  schönheit sein, die spannung einer erzählung (wie geht sie aus) oder die geweckte neugier auf einen erkenntnisgewinn (was will mir ein experimenteller/ handlungsloser text vermitteln).

reibungen und härten sollen nicht vorhersehbar sein.

Juni 1 2017

SCHÖNER SCHREIBEN, ambiguität

dort, wo dichtung eindeutige aussagen macht, ist sie selten gross und tief. am wahrhaftigsten ist sie, wo sie ein gestochen scharfes röntgenbild (die formulierungen, textaufbau etc) liefert, die diagnose aber offen lässt.
ein werk kann zu anfang komplex wirken, dann besteht der genuss daran aus einem im fortlauf leichteren lesen. es besteht hier aber die gefahr der langeweile.
ein werk kann hingegen eine sich im verlauf steigernde komplexität haben, dann besteht der genuss aus einem sich allmählich entwickelnden verstehen.
trotz mehrdeutigkeit/ ambiguität muss ein werk jedoch nicht schwierig zu lesen sein. mehrdeutig, das heisst auch: tiefsinnig kann auch eine simple story sein oder ein werk, das sich (aus unterschiedlichen gründen, aber aus gründen) selbst widerspricht. aus einer (überwindbaren) widerständigkeit ergibt sich genuss.

Mai 29 2017

SCHÖNER SCHREIBEN, welthaltigkeit

die dichterische gestaltung von welt hat zwei dimensionen: fülle und tiefe.

der autor kann sich entscheiden zwischen der abbildung einer mehr oder weniger detaillierten aussenwelt und – als spiegelung – einer individuellen innenwelt.

die gefahr zu grosser welthaltigkeit ist das abgleiten ins bloss stoffliche, also die schilderung nicht weiterführender details und motive.

Cees Nooteboom meint: es ist ein stupider irrtum, dass nur, was wirklich weit weg ist, auch exotisch wäre. exotisch ist das, woran man im prinzip nicht teilhaben kann.

es gibt also auch in der kneipe um die ecke oder in der nachbarwohnung (innen)welten zu entdecken!