Juli 25 2015

autoPSI

-1- nachschauen, was in einem steckt und die angst, nichts zu finden. das ist der förderkorb, der die literatur antreibt seit jahrhunderten, tausenden. tausenden ist es bereits gelungen, nichts zu finden. mir nicht. immer habe ich etwas gefunden und war enttäuscht, weils am ende so mickrig aussah. die anderen haben gegraben und gegraben, bis ihnen die hände bluteten, haben alles mögliche zutage befördert, aber nie das, wonach sie ihr lebenlang gesucht haben. ganz grossartige dichter sind sie geworden darüber. sie haben sich selbst etwas vorgemacht, und ihr publikum hat es gesehen. sie haben ihren himmlischen körper aufgeschlitzt, den leuten die gedärme hingehalten, und die leute haben gegessen, bis sie platzten. das herzstück kam zwischen all dem gekröse aber nie zum vorschein. autoPSI heisst, sich selbst etwas vorzumachen. das O und das E zu sehen, obwohl es gar nicht da ist. autoPTIK ist die lehre vom versuch, sich etwas vorzumachen.

-2- es gibt dichter, die können wunderbar erklären, was sie mit ihrer literatur wollen, oder zumindest mit einzelnen texten, ohne diese texte beim erklären zu beschädigen. ich gehöre nicht zu diesen dichtern.  andere wiederum können sich ganz wunderbar mit werken der kollegen auseinandersetzen, ohne wiederum die kollegen zu beschädigen. nicht ich.

-3- kategorisierung ist aber ein menschliches bedürfnis. wenn man menschliche bedürfnisse nicht befriedigt, hat man ganz schnell die revolte im wohnzimmer. alte menschen können schon aus purem trotz inkontinent sein; das sollte man wissen, bevor man der grossmutter den wein verweigert. darum also klipp und klar: die literatur, die ich schreibe, setzt sich auseinander mit rhythmus, sex und grossen — städten. ein für mich typisches gedicht müsste etwa folgendermaszen lauten:

im takt der späten ampeln, ab
seits, stehen zwei und zucken
sich den tag auf
die entblössten bäuche. bonn
raucht einen letzten zug
vorm schlafengehen.

zugegeben, bonn ist nicht gerade das ideale beispiel einer groszstadt. tatsächlich schreibe ich lieber und viel häufiger über berlin. jedoch neigen ausser mir noch ein paar weitere dichter dazu, ausgerechnet über meine lieblingsstadt zu schreiben. um dennoch nicht mit schlechtem gewissen zu enden, was ich nicht beabsichtige, müsste ich, abgesehen vom konsequenten nicht-in-betracht-ziehen der metropole, was ich tatsächlich tue, nämlich davon absehen, zusätzlich einen sehr eigenen stil entwickelt haben oder dies schleunigst tun. dies zu beurteilen müssen allerdings andere ihr wissenschaftliches geschick unter beweis stellen. ich kann es nicht. am besten gleich solche, die sogar eine mehrjährige lehre im beurteilen von eigenen stilen absolviert haben oder, ob von einem dichter texte vorliegen, die sich überhaupt lohnen, unter Beweis zu stellen. mehrfach zu studieren, vielmehr: studieren zu lassen. ob ein dichter überhaupt noch dicht ist.

-4- kalauer machen mir grossen spass, aber ich schreibe keine.

-5- ich schreibe ab. das zumindest ist ein vorwurf, der mir bereits gemacht wurde, was an einer bestimmten literarischen richtung liegt, die ich in den letzten jahren eingeschlagen habe. nicht nur diese eine richtung habe ich eingeschlagen, ich verfolge mehrere wege des schreibens parallel; mit spagat und pirouette sozusagen. beispielsweise die erkundung eines unwegsamen pfads zu einer neuen form, vielleicht einer europäischen variante des japanischen haiku. falls diese nicht längst existiert hat und in der gosse der literaturgeschichte schon wieder davongefegt wurde. dennoch: manche erfindungen müssen mehrfach gemacht werden, bevor sie zünden. besonders dichterische. zudem, einem bekannten zufolge, schreibe ich weit weniger kryptisch als bis vor kurzem noch. ich fände, so der freund, neuerdings und endlich klare worte für alltägliches.

-6- etwas alltägliches: seit jahren schon bemühe ich mich, einen begriff zu finden, der halbwegs genau ausdrückt, dass etwas sich zwischen etwas anderem befindet und ausser der allgemeinen gleichzeitig auch eine vertikale situierung beinhaltet.

-7- der erwähnte schreibstil aber, der mir gelegentlich zum vorwurf gemacht wird, ist der des literarischen remix. die neuabmischung bereits vorhandener eigener texte und hin und wieder auch von gedichten, die nicht originär meiner tastatur entsprungen sind, ist jedoch nicht meine spezialität allein. damit beschäftigen sich seit langem schon viel berühmtere menschen. diejenigen, die diesen stil dann auch als remix betiteln, sind unter anderem Robert Vineau und Christian Renz. remixes sind bearbeitungen in form einer texterweiterung oder verknappung durch die übertragung audiovisueller verfahren auf literatur, beispielsweise samplen, schneiden und verkettetem wiederholen von eigen- und fremdmaterial. samplen ist nicht zitieren, remixliteratur ist weder nachahmung noch parodie. remix und original unterscheiden sich durch ihre form und:oder eine sinnveränderung im zwischenraum der texte. neuabmischungen von texten verfügen über einen eigenen sinngehalt und sind gleichsam ohne originalverständnis rezipierbar. die meisten zumindest. so in etwa lautet die kurzformel für das in der praxis nicht einfach zu handhabende phänomen.

-8- der wahre grund aber, insbesondere von einem ganz bestimmten freund schräg angesehen zu werden für diese schreibtechnik, ist, dass ich mit mindestens zwei remixes seiner gedichte mehr erfolg hatte als er selbst mit den originalen. das ist hart. aber er ist ein freund geblieben, zum glück. und zum glück ernähre ich mich nicht allein von meiner tätigkeit als PJ, sondern auch von texten, deren hauptstilmittel das der permutation ist. schon wieder so etwas verkorkstes! kann der nichtmal einen einfachen reim verwenden und fertig?

-9- nein, kann er leider nicht. das heisst: er will nicht. abgesehen vom stabreim, der alliteration und anderem nützlichen zubehör für den modernen dompteur du mot verweigere ich mich des guten alten endreims standhaft und einigermaszen einsichtig, denn es gibt kollegen, die es nunmal besser draufhaben, end zu reimen. permutation heisst auch nichts weiter, als ausgehend von einem kleinen stückchen text mehr und immer mehr textstückchen hinzuzufügen. darfs ein wenig mehr sein? aber gerne. und bitte hübsch durch den quirl drehen, damit an markanter stelle immer mal wieder das ausgangsstück an die oberfläche taucht. scheinbar zufällig, in wirklichkeit aber streng nach takt und rhythmus. fertig ist die synphonie vom küchengerät, die im grunde nichts anderes darstellt als die extended version eines guten einfalls. man darf nur den zeitpunkt nicht verpassen, das schreibutensil aus der hand zu legen. oder, von seiten des publikums, rechtzeitig wegzuhören.

-10- bin ich gerade einmal ohne publikum, schreibe ich tagebuch. früher habe ich das sehr intensiv betrieben, heute klebe ich ein bilderbuch zusammen aus schnipseln, die mir hier und dort begegnen und führe ein wirkliches diarium nur noch auf reisen. das ist manchmal befriedigender, als literarische texte zu produzieren. manchmal gibt es aber auch anlässe, einen teil des tagebuchs zu veröffentlichen oder weiter zu verarbeiten. das ist nicht so exhibitionistisch, wie es sich anhört. wie heissts so schön: was man findet, soll man feierlich in die höhe halten, auch, wenn man sich beim versuch einer autoPSI dann eher auseinander stückelt als filetiert; das publikum wirds schon fressen auf die eine oder andre weise. eine bereits begonnene mahlzeit soll man nicht unterbrechen, lautet ein berühmtes sprichwort; also fahre ich fort:

-11- Crauss bringt gerade auf dem gebiet neuer schreibtechniken eine enorme lyrische spannung hervor, sagt Thomas Eder. ich schreibe also mit bestimmten mitteln in bestimmten techniken, nicht ausformuliert blieb bislang allerdings eine motivation, gerade über sex und grosse städte zu schreiben. dass tun viele, manche halten es sogar für schick und guten ton. was solls, denn diesmal bin ich einer von den vielen, allerdings, ton hin, schick her: ich werde hier persönlich. es zu tun oder es zu lassen, ist mir keine frage der konformität, sondern der sentimentalität. ich hatte in einer grandiosen stadt einmal ein grosses sexuelles bedürfnis. vor vielen jahren, als die stadt berlin noch nicht zu meinen liebsten gehörte. dass mir dieses bedürfnis dort im gegensatz zu meiner heimat nicht nur zugebilligt, sondern gleich erfüllt wurde, hat mich für sie eingenommen, ein für alle mal. berlin war schön.

-12- ist immernoch schön, aber mittlerweile genügt es mir, um wieder über das literarische zu sprechen, gelegentlich, nein: regelmäszig nach der hauptstadt zu reisen, bilder aufzuschnappen, tagebuch zu schreiben dort und gut zu tanzen, ohne dass sich mir jeder wunsch erfüllt. zu wissen, dass es möglich wäre wenn ich wollte, reicht schon aus, besonders, wenn die kleine gruppe von autoren, mit der ich dann unterwegs bin, ohnehin nach dreieinhalb bieren anfängt, das blaue vom himmel herunter zu fabulieren. dann gehe ich zurück in meine pension und wache anderntags daheim auf, in siegen, um beim frühstück in der einen hand den bleistift zu führen und mit der andern den kleinen kater zu streicheln, der mich in der nacht verfolgt hat.


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Veröffentlicht25. Juli 2015 von Crauss in Kategorie "text